St. Gallen. Psychisch Kranke haben es noch immer schwer. Viele Menschen in unserer Gesellschaft machen ihnen gegenüber Vorbehalte, weil für sie diese Krankheitsbilder «irgendwie unfassbar, oft ein bisschen unheimlich sind». Das sagt Hanspeter Wengle, Chefarzt der kantonalen psychiatrischen Dienste St. Gallen Nord. Er hat vor zehn Jahren als Erster in der Schweiz die Angehörigen von Psychose-Kranken in die Betreuung einbezogen.
«Wir sind aus der Erfahrung heraus gestartet, dass die Angehörigen sehr viel zur Lebenssituation und zur Lebensqualität der Erkrankten beitragen können.» Das zeigten damals auch mehrere Studien.
Aus diesen Erkenntnissen sei der Trialog entstanden – also das Zusammenwirken von Betroffenen, Angehörigen und professionellen Helfern aus Medizin und Pflege. Aus diesem Einbezug der Angehörigen sei vor zehn Jahren die erste Säntis-Tagung entstanden – gestern fand im «Einstein» in St. Gallen die zehnte unter der Regie von Professor Wengle statt.
«Als wir die erste Tagung organisierten, sahen wir dem Anlass mit einigem Herzflattern entgegen – und waren dann von der Zahl der Teilnehmenden fast erschlagen», sagt Wengle. Die Tagung zieht Jahr für Jahr über 200 Personen an: Je rund ein Viertel Betroffene und Professionelle sowie rund 50 Prozent Angehörige.
«Die Veranstaltung entspricht einem grossen Bedürfnis der Angehörigen – sie ist aber auch eine Anerkennung für deren grosse Leistungen in der Betreuung betroffener Angehöriger», sagt Wengle mit sichtbarem Stolz auf den Erfolg seines «Kindes».
Die Tagungen sind jeweils einem Themenbereich gewidmet. Die gestrige fragte beispielsweise nach «Neuen Angeboten – neue Hoffnungen» und zeigte die Möglichkeiten von Recovery-Hilfe (Wiedergesundung), Peer-Arbeit und Krisenhilfe auf.
Hinter der Säntistagung stehen nebst den psychiatrischen Diensten die Psychose-Erfahrenen (Betroffene) und die VASK Ostschweiz (Angehörige).
Die Säntis-Tagungen wirkten auch den Vorbehalten in der Gesellschaft entgegen, sagt Wengle, «weil die Erlebensberichte von Betroffenen die unterschiedlichen Verläufe der Psychose-Krankheiten bei verschiedenen Patienten aufzeigen». Da werde sichtbar, dass trotz der Krankheiten, die immer wieder Krisen auslösten, auch Freude und positive Erlebnisse Platz hätten. Es gebe auch für psychisch kranke Menschen Lebensqualität und gefreute Erlebnisse.
Sprache und Begrifflichkeit spielen eine entscheidende Rolle bei der Integration psychisch Kranker in die Gesellschaft und bei deren gesellschaftlicher Akzeptanz. «Psychose ist als Begriff gesellschaftlich akzeptiert», sagt Hanspeter Wengle. Sie ist ein Oberbegriff für unterschiedliche psychische Störungen und Erkrankungen. Sie umschreibt einen «psychischen Ausnahmezustand, in dem der Realitätsbezug verloren» gehe. Präzisere Namen wie Schizophrenie oder Depression seien nicht im gleichen Mass gesellschaftsfähig, sagt Wengle. An der Säntis-Tagung redet man offiziell nicht von Betroffenen, sondern von Erfahrenen. Beide Begriffe – Psychose und Erfahrene – zeigen den Menschen hinter der Krankheit, sind aber nicht abwertend. Das sei entscheidend, sagt der Psychiatrie-Professor.
Das alles könne nicht darüber hinweg täuschen, dass es immer noch ein Riesenschritt sei, sich als psychisch Kranker zu erkennen zu geben, sagt Wengle. Schon eine stille Teilnahme an einer Tagung sei eine schwierige Entscheidung für Betroffene. Die Akzeptanz einer solchen Krankheit sei anderseits wichtig, damit man mit ihr leben könne – auch wenn es weiterhin Krisen und Verzweiflung gebe.
Wengle malt dennoch nicht schwarz: «Es hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten Fortschritte gegeben in der gesellschaftlichen Anerkennung psychisch Kranker.» Insbesondere ein Coming-out von betroffenen Persönlichkeiten helfe, Vorurteile abzubauen.
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