st. gallen. «Das Glück herausfordern, den Nervenkitzel suchen, das gehört einfach zum Leben», sagt Herbert Bamert, Beauftragter für Suchtfragen des Kantons St. Gallen. Für einige Menschen wird dieser Nervenkitzel aber zum wichtigsten Lebensinhalt: Laut einer aktuellen Studie der Eidgenössischen Spielbankenkommission zeigen zwei Prozent der Bevölkerung ein «problematisches oder abhängiges Spielverhalten» – und es werden immer mehr. «Glücksspiele sind heute online überall und leicht verfügbar», sagt Bamert.
Er geht darum von einer Zunahme der Fallzahlen aus, will jedoch keine Schätzungen machen. Sicher aber ist: Im Kanton St. Gallen sind momentan über 100 Personen wegen ihres krankhaften Spieltriebs bei Fachstellen in Behandlung.
Die Ostschweizer Kantone St. Gallen, Thurgau, beide Appenzell, Glarus und Graubünden haben jetzt dieser Entwicklung den Kampf angesagt. Gestern stellten sie ihr gemeinsames Projekt «SOS-Spielsucht» vor. Auf der Projekt-Website können Süchtige und Angehörige per Mausklick zum Selbsttest schreiten oder Kontakt zu Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen aufnehmen. Drängende Probleme lassen sich auch am Telefon klären: Auf einer Helpline geben Fachleute anonym und kostenlos Auskunft.
Im Rahmen des Projekts erhalten die kantonalen Beratungsstellen laut Bamert zudem «ein Update in Sachen Spielsucht». Zusätzlich soll die Bevölkerung für die Risiken von Roulette und Co. sensibilisiert werden. «Nicht selten setzen Menschen nicht nur ihr Geld, sondern auch ihre Partnerschaft, den Arbeitsplatz und ihre Gesundheit aufs Spiel», sagt Bamert. Finanziert wird die Kampagne interessanterweise mit Spieleinsätzen: Die 65 000 Franken, die die Umsetzung pro Jahr benötigt, stammen von der Interkantonalen Landeslotterie Swisslos.
Vertreter der Glücksspielindustrie zeigen sich gegenüber dem Projekt aufgeschlossen: «Die Prävention von Spielsucht ist ein wichtiges Anliegen», sagt Massimo Schawalder, Geschäftsführer des Grand Casino St. Gallen. Das St. Galler Casino übernimmt aber auch selber Verantwortung: «Unsere Croupiers werden psychologisch geschult. Zeigt ein Spieler wiederholt Suchtverhalten, sprechen wir ihn darauf an.» Dies kommt laut Schawalder täglich vor. Den Angesprochenen wird eine freiwillige Spielsperre nahegelegt. Eine solche besteht in St. Gallen derzeit gegen 250 Personen; hinzu kommen 50 zwangsverordnete Sperren. Schawalder gibt aber auch zu: «Unser Kontrollsystem ist nicht perfekt.» Gerade Spielsüchtige, die nicht regelmässig im Casino verkehren, fallen dem Personal kaum auf. Zudem spricht auch Schawalder das riesige Angebot an Online-Glücksspielen an: «Oft löst sich das Suchtproblem nach einer Spielsperre nicht, sondern verlagert sich einfach ins Internet.» Laut der Studie der Spielbankenkommission sind schweizweit derzeit 23 000 Personen mit einer Spielsperre belegt.
Hinter diesen Zahlen verstecken sich beklemmende Einzelschicksale: Projektleiterin Christa Bot erwähnt jene Frau, die ihre 6jährige Tochter im Restaurant einer fremden Frau übergibt, um «kurz ins Casino zu gehen». Schliesslich muss die Polizei die Tochter zur Mutter zurückbringen (Ausgabe vom Montag).
| 1 Kommentare | Beitrag kommentieren |
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von w.aerne 10.02.2010 10:09 Uhr |
SpielsuchtEin typisches Beispiel für eine verfehlte Politik: erst schafft man mit der Zulassung von Kasinos die Voraussetzungen für das Elend und wenn es so weit ist, muss man nach Massnahmen suchen, um die persönlich und sozial nachteiligen Folgen mit entsprechender Kostenfolge zu bekämpfen. |
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