Dass sie mit Robert Schneider übers Baumfällen geredet habe, wiederholt Barbara Camenzind zweimal. Der Autor von «Schlafes Bruder» beherrscht dieses Handwerk. Noch besser als Bäume fällen kann die Rorschacher Musikerin mit Pferden umgehen und diese therapeutisch einsetzen. Wenn Camenzind sich heute um ein Konzertengagement bewirbt, gibt sie bewusst und ungeniert «Pferdefrau» als einen ihrer Berufe an. Oder neben der Sängerin die «Geschichtenliebhaberin» oder die «Musikantin».
«Ich habe bei Robert Schneider einen Schriftsteller erwartet und bin einem Menschen begegnet», erzählt Barbara Camenzind und bewundert die «gnadenlose Ehrlichkeit» des Schöpfers von «Schlafes Bruder» (1992) und seinen Mut, «nicht vor Unmodernem und Unpopulärem zurückzuschrecken». Barbara Camenzind sieht sich als moderne Künstlerin und fühlt sich doch beheimatet in der Sprache des Mittelhochdeutschen, die sie in «Paraphrasen» linear auskomponiert und dabei gesangliche Entsprechungen für diese «reiche, karge Form» der mittelalterlichen Sprache sucht.
«Robert Schneider ist für mich ein Vorbild in Sachen Gratwanderung», sagt Barbara Camenzind, die für den heutigen Contrapunkt-Abend eine neue (zwölfte) «Paraphrase» komponiert hat. Die Topographie des vorarlbergischen Dorfes Meschach, wo Robert Schneider lebt, hat dessen literarische Welt bestimmt. In «Schlafes Bruder» greift er sprachlich tief ins 19. Jahrhundert zurück. Das Mittelhochdeutsche ist für Barbara Camenzind ebenfalls Topographie, eine gefühlsmässige. In Schneiders Roman wird mit dem Orgel-Wunderkind Elias Musik auch als Urerfahrung, als Grenzerfahrung beschrieben. Dieser Grenzerfahrung will der Contrapunkt-Abend nachspüren und einen musikalisch-literarischen Dialog entstehen lassen, der dieses «Zwischen den Welten» aufscheinen lassen könnte.
Robert Schneider, der selbst lesen wird, kann man heute als Autor erleben, dessen Weg nicht bei «Schlafes Bruder» geendet hat. Er hat «Gedichte zur Nacht» von 2007 im Gepäck. Kontrapunkt dazu bildet «Nacht» für Orgel des Vorarlberger Tonsetzers Michael Floredo. Schneider wird überdies aus Romanen und Prosa lesen, die nach dem von über zwanzig Verlagen abgelehnten Welterfolg von «Schlafes Bruder» geschrieben wurden und in denen Schneider seinen in der modernen Literaturlandschaft eher ungewöhnlichen Weg weitergeht.
Schneiders Grenzwelten (er selbst bezeichnete sich einmal als «Unfall der zeitgenössischen Literatur»), Camenzinds Rückgriffe ins Mittelalter: Ein Programm muss in einem Contrapunkt-Konzert natürlich zusätzlich einen Gegenpol in Form moderner Musik haben. Neben erwähntem Michael Floredo hat Barbara Camenzind eine spezielle Komponistin aus Südtirol eingeladen, Manuela Kerer. «Sie hat den Humor zurück in die zeitgenössische Musik gebracht», freut sich Camenzind über die Schöpferin des Stücks «DotCom. Luftblase für Sopran und Orgel». Es ist ein Auftragswerk von Contrapunkt, das heute uraufgeführt wird. Auch Kerer ist eine Grenzgängerin, promoviert derzeit in Psychologie und Rechtswissenschaft und lässt die Sängerin im DotCom-Stück, einem «Akt aus der Zwischenwelt der Habgier», auch schon einmal «hämisch lachen» oder «furchterregend grummeln». Die Orgel (den ganzen Abend gespielt von Jürgen Natter, über den auch der Kontakt Camenzinds zu Schneider zustande kam) wird zuweilen mit dem Ellenbogen bedient. Grenzgängerische Versuche werden also einige gewagt beim heutigen Contrapunkt-Anlass.
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