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Tagblatt Online, 11. September 2012 10:27:27

Wählerisches Publikum

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Halbleere Konzertsäle, wie hier an einer Veranstaltung im Kugl, sind keine Seltenheit. Die Veranstalter erkennen aber keine Konzertmüdigkeit. (Bild: Archivbild: Hanspeter Schiess)

Das Konzertangebot in der Stadt ist in den letzten Jahren stark gestiegen, vor allem dank neuer Lokale wie dem Palace oder dem Kugl. Viele Konzerte finden jedoch vor wenig Publikum statt.

DAVID GADZE

Heute gehen die Sommerferien auch für die meisten Konzertveranstalter der Stadt zu Ende. Die Grabenhalle startet mit der Plattentaufe von Odium zur neuen Saison (siehe Text links), im Kugl bitten Palko!Muski zum Tanz, und in drei Wochen öffnet auch das Palace wieder seine Türen. Schon jetzt ist klar, dass zahlreiche Konzertleckerbissen auf Zuschauer warten. Doch werden sie auch ihr Publikum finden?

Spärlich besuchte Konzerte

Einige Konzerte in jüngster Zeit deuten darauf hin, dass auch bekanntere Künstler die Zuschauer nicht mehr in grosser Zahl in die Hallen locken. Zum Auftritt der Big-Beat- und Drum 'n' Bass-Pioniere Meat Beat Manifesto im April 2011 verloren sich knapp 30 Zuschauer in die Grabenhalle. Auch das Konzert von Agent Fresco im Juni war alles andere als gut besucht. Selbst das Konzert von The Notwist, einer der prägendsten europäischen Bands der vergangenen fünfzehn Jahre, war im Juni im Palace bis zuletzt nicht ausverkauft. Und die «Kleinen Konzerte» in der Grabenhalle, wo man für läppische acht Franken in den Genuss spannender Musik kommt und auch mal riskieren kann, enttäuscht zu werden, locken jeweils kaum mehr als vierzig Besucher an.

«Die Situation ist sicher anders als noch vor fünf oder zehn Jahren, wo man sich über jedes Konzert in St. Gallen gefreut hat und hingegangen ist», sagt Damian Hohl, Programmverantwortlicher im Palace. Heute sei das Konzertangebot viel grösser, wodurch auch das Publikum wählerischer geworden sei. «Ich habe aber das Gefühl, dass das interessierte Publikum in dieser Zeitspanne grösser geworden ist», sagt Hohl. Man dürfe nicht vergessen, dass immer noch viele nach Zürich gehen würden, um Konzerte zu schauen. «Umgekehrt kommen aber viele von auswärts ins Palace.»

Es gebe Phasen, etwa wenn im Frühling die ersten warmen Abende kommen, wo man die Schwankungen extrem merke. Und der Aufmarsch hänge immer auch von den Alternativen ab.

Wochen im voraus ausverkauft

Doch es gibt auch Gegenbeispiele: Das Konzert von The Parov Stelar Trio am 1. Dezember im Kugl war innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Auch für den Auftritt von Klangkarussell Ende November sind keine Tickets mehr erhältlich. Rouven Hörler, der die Künstler für das Kugl bucht und seit Jahren Konzerte und Parties veranstaltet, sieht die Lage ähnlich: «Ich habe nicht das Gefühl, dass sich die Situation verschlechtert hat», sagt er. Dass gewisse Konzerte schlechter besucht seien als erwartet, gehöre zum Geschäft. Oft sei aber auch das Gegenteil der Fall.

Bis auf wenige Ausnahmen seien Konzerte für die Veranstalter schon seit Jahren ein Verlustgeschäft, das durch die Defizitgarantie der Stadt gedeckt oder durch Parties quersubventioniert werden müsse. Gerade im Hip-Hop, wo Hörler seit 16 Jahren Konzerte und Parties veranstaltet, seien die Besucherzahlen in den letzten Jahren massiv eingebrochen. «Es gibt eine Überdosis an Musik. Alles ist jederzeit verfügbar.» Und wenn einem das Open Air Frauenfeld an einem einzigen Wochenende die Crème de la Crème der Szene präsentiere und man schon als Jugendlicher «mit dem Maximum» einsteige, sinke vielleicht die Begeisterung für weniger grosse Künstler. Bei angesagten Bands würden Begleitumstände wie der Wochentag oder Alternativprogramme eine kleine Rolle spielen.

Den Veranstaltern vertrauen

«Was ich ein Stück weit vermisse, ist die Neugier, Neues kennenzulernen, das Vertrauen in die Veranstalter und den Mut, ein Konzert auf gut Glück zu besuchen», sagt Damian Hohl. Dass man an Konzerte gehe, um neue Bands zu entdecken, sei schon lange vorbei, meint Hörler. «Dann spielt es auch keine Rolle, ob das Konzert fünf, acht oder zehn Franken kostet.» Die Leute würden selbst dann nicht kommen, wenn die Konzerte gratis wären.




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