Man weiss nicht so recht, wer auf dem Familienporträt über dem Podium im «Kastanienhof» die Hauptperson ist: Der Grossvater mit beachtlichem Schnauz, die schräg vor ihm sitzende Grossmutter oder der weissgelockte Hund, der rechts von ihr auf dem Salontischchen hockt und vor Stolz fast platzt. Doch alle drei gehören offensichtlich zur Verwandtschaft, genauso wie die Damen und Herren auf den kleinen Familienfotos und die leichtgeschürzte Schönheit, die sich wenigstens im Bild neben Päuli Seelhofers Tastenbass präsentiert.
Doch sei's drum: Quicklebendig sind sie alle, die Abwesenden und die, von denen nicht so recht klar wird, ob sie nun da sind oder nicht; selbst Sabine, die «uns letztes Jahr verlassen hat», bleibt Winnetous Erben und ihrem Publikum wenigstens im Chanson erhalten – samt ihrem Genickbruch, den sie sich während einer Meditation zugezogen hat. So ziehen sie denn alle vorbei, der «Franz aus Stans» und der Herbert, die Sabine und die Hermine, der Peppino, der italienisch schmachtend besungen wird, begleitet vom Akkordeon, das Brigitte Schmid-Turrian alias Tante Rosie beinah zum Schmelzen bringt.
Mit Yankee-Akzent erzählt die Sängerin Barbara Ochsner von Fred aus dem Emmental, der ausgewandert ist und den ganzen wilden Westen mit Schwartenmagen restlos eingedeckt hat. Anton dagegen hockt am Telefon, «und man ahnt es schon, mit wem er spricht».
Nach der Pause geht's im gleichen Stil weiter: Rosi, das Grosi, tritt im Lied auf, dem Heinrich ist's peinlich, wenn's ein wenig nach Religion zu klingen beginnt, und «was zählt auf dieser Welt ist Geld», wenn von «Paula, der Tante, mit Geld auf der Kante» das Singen ist – das aber im gemütlichen Takt eines Musettewalzers.
Zwischen den einzelnen Chansons, Liedern, Songs werden die Verwandten angekündigt, noch weit mehr als hier erwähnt, in immer länger werdender Aufzählung, die dann freilich mehrmals unterbrochen wird – «Kennen wir schon!» Reime purzeln übereinander, manchmal schräg, manchmal banal, schon fast wie Herz-Schmerz. Und musikalisch geht's querbeet, haben Musetteklänge ebenso Platz wie ein veritabler Tango oder leicht jazzige Rhythmen. Und obwohl neben Onkel Sepp am Tastenbass und Tante Rosie am Akkordeon nur noch Patrick Froidevaux als Gitarrist und Richard Stillhart (Cousin Hugo) fürs Instrumentale sorgen, ist von Eintönigkeit keine Rede: Buntfarben sind die Klänge, bisweilen durchaus angriffig, vielgestaltig nicht nur die Formen, sondern auch die Klanggestalten, in die sie das muntere Quartett einkleidet – bis hin zu den hämmernden Rhythmusschlägen, wenn sie alle zusammen fragen: «Wo ist denn das Problem?» Oder dem lautmalerischen Fliessbandgeräusch in der von Susi mitreissend gesungenen Ballade aus der Grossmetzgerei.
Und dann ist da natürlich Barbara Ochsner als Hermine, in verschiedensten Stimmlagen und Stimmfärbungen zu Hause, doch vor allem in Gestik und Mimik wahrhaft bühnenbeherrschend. Und wenn die Texte ihrer Lieder nicht durchwegs verständlich sind, was verschlägt's: Bei so viel temperamentvoller Bühnenpräsenz und überspringender Lust an der spielerisch-musikalischen Verführung entfalten sich die Geschichten sogar wortlos. Winnetous Erben spielen und singen zwar, wie sie im letzten Song betonen, für alle, die gekommen sind, aber ebenso sehr für sich. Und sie erreichen damit ihr Ziel, zu gefallen, scheinbar mühelos. Zur Freude nicht nur der Verwandtschaft…
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