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Tagblatt Online, 4. Dezember 2012, 01:37 Uhr

Stille, Leere und Spiel

Galerie Christian Roellin Zoom

Kunst-nachdenklich: Jean-Christophe de Clercq, Felix de la Concha und Beni Bischof (v. l.). (Bild: Coralie Wenger)

Zum viertenmal heisst es in der Galerie Christian Röllin «Sangallensia». Man muss als Künstler in dieser Dreierausstellung nicht (wie Beni Bischof) in St. Gallen leben, man kann hier auch nur unterwegs sein.

MARTIN PREISSER

Ausstellungen mit drei ganz unterschiedlichen Künstlern verleiten natürlich dazu, mehr oder weniger angestrengt nach Gemeinsamkeiten, Bezügen und Links zu suchen. Man kann das Suchen aber auch lassen und einfach den Dreiklang von drei sehr individuell arbeitenden Künstlern geniessen. Zu entdecken gibt es bei «Sangallensia IV» jedenfalls Einiges und recht Spannendes.

Feinste Tuschestriche

Beni Bischof kommt aus St. Gallen, der Spanier Felix de la Concha ist hier ein halbes Jahr zu Gast, und Jean-Christophe de Clercq war hier einst Theatermaler und lebt jetzt im französischen Zentralmassiv. Einen Link möchte man doch wagen, den zwischen Beni Bischof und Jean-Christophe de Clercq. Dieser hat eine Beni-Bischof-Wand bei Röllin gehängt. De Clercq steuert Stille und Leere bei mit seinen Tuschearbeiten, teils mit Gouache angereichert. Seine Kunst: Feinste Striche zu wunderbaren Bildmomenten werden zu lassen, die zwischen Abstraktion und an Organisches Gemahnendem wechseln.

Hier herrscht (nicht bewusst gewollte) Poesie vor. Mit filigranen Strukturen erzeugt de Clercq Formen und Symbole, die sehr warm und meditativ, teils als sanft angehaltene Bewegung eines Metamorphoseprozesses wirken. «Meine Arbeiten sind wie eine automatische Schrift», sagt de Clercq. Beim Arbeiten müsse und wolle er das Ego verlieren.

Keinem Konzept verpflichtet

Dieser Satz käme Beni Bischof wahrscheinlich so nicht über die Lippen, aber auf vielen seiner so anders als bei de Clercq gehaltenen Arbeiten scheint sich Bischofs kräftiges Ego irgendwie auch zurückzuziehen, nicht zu Ergebnissen der Stille, sondern zu eruptiv Hingeworfenem. Wie de Clercq keiner Idee nachgehen will, so geht Beni Bischof keinem Konzept nach. Ein roter Faden durch diese Bilder, das wäre nicht Bischofs Kunstverständnis. Sein «roter Faden»: Jedes Bild ein Experiment, Malen als Spiel, der Mut zum Wilden, Unbändigen, Eruptiven – und keinerlei Stress wegen irgendwelcher Materialfestlegungen oder Gattungszwänge.

Ein echter Hawaiianer

«Welcome to the Jungle» heisst ein waldgrünes Chaos, und verspielte Entdeckerfreude macht sich breit, auch mit Ölfarbe, die mit den Fingern auf den Bildträger «massiert» wird. «Es entsteht immer etwas», sagt Beni Bischof, dem einzigen «echten» St. Galler in «Sangallensia IV», der sich aber eher als «echter Hawaiianer» fühlt, wie er humorvoll kokettiert. Und vielleicht ists der Schuss Hawaii, das bunte und freudige Nebeneinander von Öl, das bisweilen wie barocke Holzschnitzkunst wirkt, und den wie an Comic angelehnten Miniaturen oder wunderbar spleenigen Papierarbeiten.

Mit einem Messer wird ein Modemagazin da zur kleinen Skulptur «zerschnitzt» und mit leichter Geste allzu viel Glamour zurückbuchstabiert. Scheinbar banale Eingriffe und im besten Sinne primitive Gestik prägen nicht wenige von Bischofs Arbeiten, in die man sich lustvoll versenken kann und dabei auf vieles stösst, aber nicht auf Oberflächlichkeit.

St. Galler Szenen

Stiller geht es wieder bei Felix de la Concha zu. Einer breiteren Öffentlichkeit dürfte der Spanier aufgefallen sein mit seinem Sitzplatz am Bahnhofplatz. Für jede der zwölf Stunden hat er ein neues hochformatiges Ölbild vom Turm des Postgebäudes gemalt. Ruhig, überlegt, mit spannenden Details. Concha, der in der Hauptpost sein Gastatelier hatte, hat sich aber auch an andere Plätze St. Gallens begeben. Strassen, Schienen, Brücken und die unter seinem Strich fast seltsam wirkenden Hügel der Stadt beherrschen diese stillen, fast verlassen wirkenden und nicht dokumentarisch intendierten Strassenszenen.

Bis 19. Januar. Galerie Christian Röllin (Talhofstrasse 11); Do + Fr: 14–18, Sa: 12–16 Uhr


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