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Tagblatt Online, 31. März 2012 01:07:25

Musik unterm Seziermesser

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Josef Bulva (Bild: pd)

Der Pianist Josef Bulva machte auf seiner Comeback-Tournée halt im voll- besetzten Kultbau. Sein Klavierspiel ist atemberaubend anders als das Gängige.

MARTIN PREISSER

Josef Bulvas Zugabe im Kultbau wirkte symbolisch: Chopins Revolutionsetüde, ein strenges Exercitium für die linke Hand. Vierzehn Jahre hat Bulva mit ihr nach einem Unfall nicht mehr gespielt (Ausgabe v. 24. März). Mit dem Comeback des knapp 70-Jährigen hat die Musikwelt nicht einfach wieder einen Virtuosen mehr, sondern einen Pianisten, der mit Interpretationen aufwartet, die auch dem Kenner die Ohren durchputzen.

In Strukturen zerlegt

Die Läufe der Revolutionsetüde werden nicht einfach hinabgedonnert. Das können Tausende andere auch. Bulva scheint (nicht nur) dieses Stück messerscharf zu sezieren, es in Mikrostrukturen zu zerlegen, um sie wieder zu einem neuen unerhört spannenden Gebilde zusammenzusetzen. Bulva ist viel mehr als ein eleganter Virtuose: Er hat etwas zu sagen, weil er über Musik wirklich nachdenkt. Die neu beleuchteten Strukturen, die neu angestrahlte Architektonik gelingen dem gebürtigen Tschechen mit luxemburgischem Pass und Faible für schnelle Autos, durch eine Technik, die extreme Transparenz ermöglicht.

Transparenz kommt bei Bulva zudem durch eine faszinierende Pedalbehandlung, was eben auch den Mut bedeutet, das Pedal wegzulassen. Atemberaubend, wie er die Schlusskaskaden des Chopin-Scherzos cis-Moll ganz ohne Pedal ausführt. Oder mit welch unterschiedlichen agogischen und klangfarblichen Raffinessen er die Girlanden über dem Weihnachtslied-Mittelteil des Scherzos in immer neuer Beleuchtung aufscheinen lässt. Bulva ist auch ein (rarer) Pianist, der das mittlere Pedal des Flügels als unverzichtbar für die Interpretation einsetzt.

Nicht nur bei Chopin (Bulvas düster gehaltene fis-Moll-Polonaise war ein Höhepunkt des Abends) scheint der Pianist geradezu besessen vom Wunsch nach Schnörkellosigkeit, mit der er genaue Energiefelder absteckt.

Begeisternd rückt er so die Modernität von Beethovens Sonate op. 27, 1 ins Zentrum. Unerbittlich gleichmässig dann die Triolen des Kopfsatzes der Mondscheinsonate, den er ohne Rubato und ohne jedes Verzärteln als eine Art dreistimmige Invention spielt. Im Finale von Opus 27,2 gönnt sich Josef Bulva nach den Abschlüssen der aufwärts steigenden Arpeggien dann aber manchmal fast zu wenig Zeit zum neu Ausholen.

Finger zeigen Denkarbeit

Mit Bulva ist ein faszinierender Beethoven- und Chopinspieler in der Klavierwelt zurück, der durch sein analytisch und klanglich durchdachtes Spiel Musik zu fast gnadenloser Eindringlichkeit verhilft. Auch bei Szymanowskis höllisch schweren «Masques» sowie der «Toccata» des tschechischen Zeitgenossen Roman Berger wurde klar: Bulvas Finger laufen nicht einfach nur wie geschmiert, sondern setzen immense, kompromisslose Denkarbeit um. Josef Bulva hat sich in St. Gallen zweifellos neue Fans erspielt, die sich auf die neue (nach Beethoven und Chopin) dritte Comeback-CD freuen dürfen, die demnächst bei Sony aufgenommen und Liszt gewidmet sein wird.




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