Regionkultur: 23. Januar 2010, 01:02

Memento vanitatis

Das Fenster zur Innenwelt: Zwischen antiken Stühlen die Imagination von Raum und Zeit. Bild: Reto Martin

Sonja Hugentobler zeigt bei Kultur im Bahnhof ihren neuen Bilderzyklus. Unter dem Titel «Von höllischen Denkern und himmlischen Träumern» bespielt sie Raum, Zeit und Vergänglichkeit.

Brigitte Schmid-Gugler

Soll man sich erst einmal auf einen dieser Stühle setzen? Ausruhen? Den Blick schweifen lassen und auf die Gesprächsfetzen lauschen, die hinter den schweren alten Türen zu vernehmen sind? Es tun sich mancherlei Möglichkeiten auf, wenn man den Bilderraum betritt, und Sonja Hugentobler hat ihn mit geschicktem Raumgriff installativ in ihre Arbeiten aufgenommen.

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Entscheidungen treffen, den Kopf nach links oder nach rechts drehen, den Stuhl benützen oder sich nicht trauen, sich vor ihn hinstellen und das «Fenster» in der Mitte als Übergang betrachten. Zwischen Betrachtenden und Bild liegt die Metaebene der Erinnerung, die gerade noch so verwischt erfahr- und abrufbar ist, wie die eintrocknende Feuchtigkeit auf einer eben sauber gewischten Oberfläche. Ein Film? Eine Begegnung? Ein Traum? Ein Musikstück?

Die motivisch erweiterte Malerei mit dem Titel «What is your dream» bezieht sich auf ein altes LP-Plattencover. Schon damals wohl ein Sonntagmorgen-Blues, eingeklemmt zwischen träger Melancholie und Aufbegehren. Und jetzt das: In einer nicht weiter definierten Landschaft, mit feinen Gräsern und gelblich-weissem Himmel, beides hoch, es könnte irgendwo in Meernähe sein, trabt das Pferd daher. Keine Zügel. Die Füsse in den Steigbügeln gehören knapp erkennbar einer Reiterin mit Gewehr, die vermeintliche Idylle eines aus der Zeit gefallenen Abenteuers zwischen Vogelfangis, Gewalttat und dem Ritt über einen dichtbehaarten pelzigen Traumrücken.

Dem Vergessen nach

Hinter dem Schleier des Denkbaren schwingt immer auch der Wunsch mit, die Ahnung, die Furcht, das zu hebende Seidenpapier, die Überraschung – «das Geschenk». Mit diesem Titel und dem gelben Tisch davor (zum Auspacken?) eröffnet Sonja Hugentobler ihren neuen Bilderzyklus. Auch hier setzt sie zwei gegenpolige Gefühlsebenen in ein Spannungsfeld. Was bring das Geschenk? Freude? Enttäuschung? Die Antwort offenbarte sich im Gesicht der schemenhaft gemalten, mit Bleistift konturierten Figur. Doch dieses ist leer, wie die kreidensaubere Wandtafel im Schulzimmer. Kreide, obwohl in Sonja Hugentoblers Arbeiten kein verwendetes Material, ist sinnbildlich vorhanden. Über den Werken scheint der unsichtbare Schwamm zu baumeln und erneut die entscheidende Frage: Auswischen oder auffrischen, was vom Geschriebenen noch sichtbar ist.

Das Vage, die Vermutung, die Wahl, die Entscheidung des Sehenwollens oder Wegschauens liegt über der Assemblage «Wulkow» und kriecht auch beim Anblick des in Paraffin gegossenen Stiefelpärchens in Kindergrösse in den Kopf. Es liegt auf Garderobenhöhe auf einer Plexiglasablage, die gehalten wird von einer geschwungenen Holzhalterung.

Nostalgie und Suggestion

Epochen und Emotionen, Losgelassenes und Vergangenes neu zusammengefügt. Hugentobler, sie lebt im Palais bleu in Trogen und hat eine beachtliche Liste von Einzel- und Gruppenausstellungen vorzuweisen, schiebt des Lebens Unberechenbarkeiten in ihre Bilder hinein und hebt sie mit neuen Entwürfen wieder aus ihnen heraus. Die Tasche mit der «Swissair»-Aufschrift: die alte Frau mit umgebundener Schürze dürfte sie nie benützt haben, ihr feines Haarnetz ist in der folgenden Bilderserie in 22facher Ausführung kleinformatig hinter Glas gepresst. Filigrane Drapierungen, oszillierend zwischen Figuration und Abstraktion, leicht und transparent wie handgestickte Nostalgie. Schade, hat die Künstlerin dieses einzigartige Motiv nicht neu übersetzt: Hätte sie das Mittel der Zeichnung gewählt, sie wären ein visuelles Ereignis.

Eine gelungene malerische Weiterbearbeitung einer Vorlage (kein neuer Einfall, aber sorgfältig umgesetzt) sind die drei Bilder im hinteren Raumteil. Ausgehend von Stichen in alten Gesundheitsratgebern spielen die behutsam bearbeiteten Bildstoffe, wie die übrigen in Mischtechnik, Bleistift, mit der Suggestivwirkung von eingeschobenen Sätzen: «I ought to go», ich sollte gehen, heisst das Bild, das einen in sich gekehrten Mann in einer altertümlichen Badewanne zeigt mit Kühlbeutel auf dem Kopf. Die augenzwinkernde Frage ist, worauf sich diese Erkenntnis bezieht. Auf das erkaltende Wasser? Auf das Leben gar?

Bis 12. März, Galerie Kultur im Bahnhof; 14.2., 11 Uhr: Matinee mit Texten von Monika Slamanig


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