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Tagblatt Online, 15. November 2008 01:00:42

Im Sitzstreik vor der Glotze

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In ihrem neuen Stück «Flaschko» verbindet das Basler Theater Vagabu Schauspiel mit Figuren- und Schattenspiel. (Bild: Bild: Hannes Thalmann)

Zu Gast im Figurentheater: Aus Nicolas Mahlers Comic «Flaschko – der Mann in der Heizdecke» wird in der vergnüglichen Produktion des Basler Figurentheaters Vagabu abgründig absurdes Theater.

Bettina kugler

st. gallen. Amöbenartig guckt Flaschko im Comic von Nicolas Mahler in die Welt. Die ist in seinem Fall begrenzt auf die vier Wände der Wohnstube – und auf den Widerschein der parallelen Wirklichkeit, wie sie die Mattscheibe auf allen Kanälen spiegelt. Flaschko gehört zur Spezies der Couch Potatoes, die frische Luft so wenig mögen wie Bewegung. Nur Licht braucht er zum Leben: Glotzengeflimmer, Zapping von früh bis spät, von den morgendlichen Katastrophenmeldungen in den Nachrichten bis zur langen Pornonacht, im Kreislauf eines Daseins, das wöchentlich mit dem Fernsehprogramm ins Altpapier wandert.

Wohl fühlt sich der moderne Höhlenmensch auch im Bühnenlicht, sparsam eingesetzt für ein dramaturgisch raffiniertes Wechselspiel von Schatten, Stoffpuppen und Figuren aus Fleisch und Blut. Für ein skurriles Mutter-Sohn-Drama, das dem Fernsehen mit ebenso rabenschwarzem Humor begegnet wie den zwischenmenschlichen Beziehungen und dem Traum vom gelungenen Leben. Und das versessen, doch nie statisch wirkt.

Comic-Melodram

Oben der Kopf im markanten Profil, darunter, kartoffelförmig, die Heizdecke, daran baumelnd Kabel und Stecker wie eine abgerissene Nabelschnur: So also sieht er aus, «der Mann in der Heizdecke», dem der Comiczeichner mit dem Hang zum allzu menschlich Verschrobenen und intellektuell Grotesken inzwischen drei Bände voll absurder «Sitzmelodramen» gewidmet hat. So flackert er in der Produktion des Basler Figurentheaters Vagabu schattenspielartig, nahe am Comicstrip, über den Bühnenhintergrund (wo Kristin Vodusek mit Drahtfiguren agiert): immer vergeblich von seiner Mutter aufgemöbelt, sich doch einmal zu ermannen, endlich die Heizdecke auszulüften und etwas Sinnvolles zu tun, sei es nun Blockflöte zu spielen oder Leserbriefe zu schreiben.

Ionesco, Beckett, Loriot

Fast wie bei Loriot wackelt Mama da hin und her, versucht Menschenmögliches, um Konversation zu machen. Was allerdings dabei herauskommt, erinnert an Dialoge von Ionesco, balanciert am Abgrund des Absurden, tänzelt in Beckett'scher Manier auf dem Hochseil zwischen Nihilismus und höherer Bedeutung: ein Endspiel in Serie, in episodischen Schlaglichtern zum Thema Menschsein. Als ob wir die Fernbedienung traktierten und doch immer wieder im gleichen Programm landeten: Und ewig grüsst das Sitzsacktier. Der gemeine Glotzkopf, der von der Welt nichts wissen will und doch schon viel zu viel von ihr gesehen hat.

Mit dem hintergründigen Humor Nicolas Mahlers ist das Theater Vagabu vertraut. Schon einmal brachte Regisseur Marc Feld einen seiner Comichelden auf die kleine Bühne; «Kratochvil» hatte in St. Gallen Premiere und wurde anschliessend zum internationalen Erfolg. Auch «Flaschko» wird neben der deutschen in einer französischsprachigen Fassung zu sehen sein.

Die Bühne im Vordergrund wird von Pierre Cleitmann belagert. Zu sehen ist ein Heizkissenhügel mit stoischem Mützenkopf vor dem Flachbildschirm. Alle Hände voll zu tun hat unterdessen Christian Schuppli mit der matronenhaft karikierten Mutterfigur, ihren Abstaub- und Alkoholexzessen, ihren Versuchen, Flaschko zu bekehren, wenn nicht zu Gott, so doch wenigstens zu einer Rolle in einem Pornofilm. Weil doch der Mensch zum Tätigsein geschaffen ist.

Flaschko aber sitzt aus, nie um ein knappes, zynisches Schlusswort verlegen. Unter der riesigen Decke verbirgt sich ein Bandoneon für den leicht wehmütigen Unterton der geschickt ineinander montierten kurzen Melodramen – sechzig Minuten vergehen da flugs und lassen doch das Elend eines im Sitzstreik lahmgelegten Lebens nachempfinden. Aus vergnüglicher intellektueller Distanz.

Heute Sa, Figurentheater St. Gallen, 20 Uhr



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