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Tagblatt Online, 27. August 2012 01:35:32

«Ich muss ja fast weitermachen»

St. Gallen - Galeristin Alexandra oestvold Galerie Werkart Zoom

Nach der Denkpause: Galeristin Alexandra Oestvold. (Bild: Ralph Ribi)

Ein halbes Jahr Denkpause hat Galeristin Alexandra Oestvold eingelegt und will im Moment ihre Galerie Werkart nicht schliessen. Sie hat jetzt elf Kunstschaffende eingeladen, sich zum Thema Zeitgeist künstlerisch zu äussern.

MARTIN PREISSER

Das Aufhängen von Bildern in ihrer Galerie Werkart verursacht noch Schmerzen. Nach der letzten Ausstellung im Dezember hat sich Alexandra Oestvold eine Denkpause verordnet. «Es wurde eine sehr schmerzhafte», sagt die Galeristin, die sich im Mai bei einem Velounfall schwer an Schulter und Ellbogen verletzt hatte und mehrmals operiert wurde.

«Was der Bauer nicht kennt…»

Fazit der Denkpause: Sie macht erst einmal weiter mit der Galerie, wenngleich mit sehr offener Zukunft. «Bald jeden Tag schliesst hier eine Galerie, da bin ich ja fast verpflichtet weiterzumachen.» Das Klima sei rauh für Galeristen in St. Gallen. «Wenn man als Galerie zu wenig Feedback bekommt, ist das sehr frustrierend. Das Publikum ist da, aber es ist schwer, es in die Galerien zu locken», sagt Alexandra Oestvold. Sie setzt daher gerne auf Gruppenausstellungen mit Künstlern aus St. Gallen und Umgebung. Das garantiere eine gewisse Besucherzahl. Unbekannte Künstler hier zu präsentieren, sei sehr schwer. «Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht. Das gilt auch für Kunst», formuliert es die Galeristin humorvoll und redet über das kulturelle Überangebot, das heute herrsche.

Galeristen als Kunstvermittler

Das Argument, Galerien seien kommerziell ausgerichtet und daher nicht von der öffentlichen Hand zu unterstützen, lässt Alexandra Oestvold nicht gelten. Im Gegenteil: Sie wünschte sich von Stadt und Kanton für jede Ausstellung einen gewissen Grundbetrag an Unterstützung. «Galeristen sind Kunstvermittler», unterstreicht sie. Was für Alexandra Oestvold auch zu wenig gut funktioniert, ist die indirekte Finanzierung der Galeriearbeit mit Ankäufen durch die öffentliche Hand. «In dreizehn Jahren meiner Arbeit mit achtzig Ausstellungen hat die Stadt nur ein Bild erworben.»

Für die erste Aktion nach der Denkpause hat Alexandra Oestvold, die selbst auch künstlerisch tätig ist, das Thema Zeitgeist gesetzt und elf Kunstschaffende (s. Kasten) eingeladen, sich jeweils künstlerisch zu diesem Thema zu äussern. Die meisten der Arbeiten (mit Schwerpunkt auf Mixed Media) sind extra für diese Ausstellung entstanden. Resultat ist eine lohnende, vielfältige Schau, die eine Wiederbegegnung mit vielen St. Galler Kunstschaffenden ermöglicht und auch neugierig auf unbekanntere Positionen macht.

Social Medias in der Kunst

Martina Dieziger will man da als erste erwähnen. Sie fällt auf mit witzigen, teils teuflischen Comicfiguren, die Chiffren und Begriffe der virtuellen Welt frisch und frech auf die Schippe nehmen. Feine Gespinste und fragile Netze in Siebdrucktechnik zeigt Katharina Högger. Symbol für den lauten und hektischen Zeitgeist mag Manhattan sein, auf das Edith Thurnherr einen direkten, interessanten Blick von oben wirft. Dass der Zeitgeist auch Sehnsucht nach Stille anstelle ständiger Allgegenwärtigkeit auslösen mag, zeigen Hans Jörg Bachmanns stille, dunkle Berglandschaften.

Dagmar Frick-Islitzer spielt mit den Begriffen Chiffrierung und Dechiffrierung und zeigt ästhetisch anziehende Bilder mit Bar- oder QR-Codes. Auf geheimnisvolle Art fängt Jürg Baumann das Phänomen der Vereinsamung in der virtuellen Welt ein – tausend «Freunde» und doch sehr allein auf Facebook. Beat Kühne steuert Säulen aus PVC bei, in die Begriffe und Logos von Vernetzung und Globalisierung eingefräst sind. Barbara Bär zeigt mit Malerei auf Fotoprints eindrucksvoll Themen wie Bienensterben und Umweltverschmutzung. Auf Collagetechniken setzt Antonella Cavalleri, die Symbole von Social Medias künstlerisch vernetzt und verschachtelt. Galeristin Alexandra Oestvold selbst steuert Fotocollagen zum Begriff Zeitgeist sowie ein Ölbild bei. Der einsame Mensch vor dem Bildschirm mit einer erschreckenden virtuellen Nebenwelt: Sergio de Mathos Cuna liefert hierzu ein beklemmendes Video.

Galerie Werkart (Teufener Str. 75). Do + Fr 15–18, Sa 13–16 Uhr. Sonntagsapéro: So, 2.9., 12–15 Uhr (Marcel Soldat, Gitarre, und Emma Lenzi, Texte). www.galerie-werkart.ch



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