Regionkultur: 22. Januar 2010, 01:00

Gefährlicher Badeanzug

Blumen des Bösen: Ein wenig dunkle Welt Baudelaires atmet die «Experiment»-Ausstellung: Die «Uhr» mit Zeit-Ärmeln, die Schicksals-Parzen und leicht schauerliche Bademode (v. l.). Bild: Ralph Ribi

Mit «Experiment» schlagen Studierende der Genfer «Head» im Textilmuseum St. Gallen eine Brücke zwischen Ost- und Westschweiz. Studierende der Pädagogischen Hochschule St. Gallen haben sich in Texten mit der Ausstellung befasst.

martin preisser

Der in Moskau prämierte Badeanzug von Nina Gander, Studentin an der «Haute école d'art et de design» (Head) in Genf, ist kein körperbetonendes und sexy Textilteil, sondern evoziert mit seinen eingenähten Zähnen männerverschlingende Phantasien. Von Harpyien, den Frau-Vogel-Wesen, von Chimären, den Mensch-Schlange-Wesen, von Salome und von dunklen Baudelaire-Themen sind die Textilarbeiten von Studierenden der Head beeinflusst und bilden so faszinierende wie experimentelle Kunst-Vorformen von wirklich tragbarer Mode.

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Entsprechend ist der Ausstellungsraum gestaltet. Durchgängig schwarze Stoffkorridore, die bei den experimentellen Arbeiten noch recht verwinkelt sind, bei den Haute-Couture-Präsentationen dann aber gerade werden.

Symbolistische Mode

«Neue Modeideen entstehen durch Experimente, durch Versuche ohne Regeln. Neue Kreationen entstehen nicht durch ein Kopieren vorhandener, sondern durch einen gänzlich neuen Grundaufbau der jeweiligen Designidee von ganz unten wieder angefangen», sagt Christiane Luible, Professorin Mode an der Head. Ihre Kollegin Natalia Solomatine, Head-Professorin für Modedesign, hat die Studierenden mit einem anspruchsvollen Thema beauftragt: Den Symbolismus in der Malerei von Gustav-Adolf Mossa auf die Mode zu übertragen. Mossa selbst hat mit seiner Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts auf die Ideen- und Bilderwelt des literarischen französischen Symbolismus reagiert. Das hiess für die Head-Studierenden, sich auf einen komplexen kreativen Prozess einzulassen.

Es ging nicht darum, den Symbolismus einfach in Mode zu kopieren, sondern «eine abstrakte Idee gleichsam ästhetisch zu bekleiden», wie es Jean Moréas 1886 in einem Manifest über die symbolistische Technik beschrieben hat. Zusätzlich war gefragt, diese Ideen auch in Modedetails wie Konstruktion, Schnitt oder Struktur gleichsam mit einer neuen eigenen Modesprache aufscheinen zu lassen.

Nur St. Galler Stoffe

Die Ergebnisse lassen sich sehen. Was von fast abstrakten Stoffphantasien, von textilen Symbolen ausgeht, lebt sich im weiteren Verlauf der schwarzen Gänge im Sujet der Sportmode aus. Und auch für philosophische Fragestellungen wie die der «Zeit» haben Head-Studierende textile Antworten gefunden. Alle Stoffe der Ausstellung «Experiment» stammen von bekannten St. Galler Stoffherstellern, für die Studierende wie Dozierende der Head in Sachen Qualität, Innovation und Phantasie nur höchstes Lob übrig haben.

Die Ausstellung «Experiment» ist in vieler Hinsicht ein Experiment. Kuratorin Ursula Karbacher hat den jungen Westschweizer Modeschöpferinnen und -schöpfern quasi eine Carte blanche für das zweite Stockwerk im Textilmuseum gegeben. Experimentell ist «Experiment» auch, weil es interdisziplinär ausgerichtet ist. Neben den Modedesigern präsentiert sich die Innenarchitekturklasse der Head, die das Ausstellungskonzept verwirklicht hat, sowie die Klasse für Visuelle Kommunikation, die die jungen Genfer Modeexperimente mit Fotos und Videos ins rechte Licht rückt.

Hoffen auf junges Publikum

Mit einem Mal hätten die Städte Genf und St. Gallen auch die Rollen getauscht, sagt Kuratorin Ursula Karbacher. Aus der Literaturstadt Genf kommt mit einmal junge Mode, aus der Stoffstadt St. Gallen stammen die Texte. Studierende der hiesigen Pädagogischen Hochschule haben sich mit dem Genfer Mode-Symbolismus textlich auseinandergesetzt und wichtige Kernsätze auf die Treppen des Museums geschrieben. Mit «Experiment» hofft man auch neue Besucher anzulocken. «Diese Ausstellung könnte auch jüngeres Publikum dazu verführen, sich mit Mode und Kunst in unserem Textilmuseum auseinanderzusetzen», hofft Ursula Karbacher.

Bis 11. April. Mo–So, 10–17 Uhr. Öffentliche Führungen mit Kuratorin Ursula Karbacher an den Sonntagen 24.1., 21.2. und 14.3., jeweils 11 Uhr. www.textilmuseum.ch
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