Regionkultur: 06. Oktober 2008, 01:05

Entdeckungen von Bild zu Bild

So dick und reif war noch keine der bisherigen Sequenz-Ernten. Die fünfte Publikation versammelt auf über 300 Seiten wieder eine beeindruckende Vielfalt an originellen und teils hervorragenden sequenziellen Arbeiten.

Lem-Bildergeschichte: Aus «Trurls Maschine» von Anna Furrer; Gouache auf Farbkarton. Bild: Anna Furrer

Andreas stock

st. gallen. Vergangenen Freitag feierte der Verein Sequenz am Mühlensteg mit Auftritten mehrerer Electro-Bands seine Taschenbuch-Vernissage im intimeren Kreis. Doch ab heute liegt die fünfte Publikation wieder an ausgesuchten Orten in der Stadt auf; es ist fast selbstverständlich geworden, dass man sie gratis bekommt. Der Verein verschenkt hier aber mittlerweile ein 320 Seiten starkes Büchlein, dessen Herstellung rund 12 Franken kostet. Die Einnahmen aus den Inseraten und das Geld, welches der Verein für den kantonalen Kultur-Förderpreis bekommen hat, wurden dafür investiert.

Zwischen 9 und 60 Jahren

Herzblut und Idealismus steckt nicht nur in dieser Geste sondern auch im Engagement für eine Publikation, das fern jedes kommerziellen Denkens liegt. Man versteht sich weiter als Plattform für eigenständige Gestaltungen, die auch schräg bis trashig sein dürfen. Rund 60 Prozent der eingereichten Arbeiten hat die siebenköpfige Sequenz-Jury ausgewählt, wobei den Hauptteil wieder Ostschweizer und Exilostschweizer bestreiten. Die Sequenzen der rund 40 Zeichnerinnen und Zeichner zwischen 9 und 60 Jahren sind so vielfältig und unterschiedlich wie ihr Alter, ihre Stile und Themen; entsprechend breit ist das Niveau. Hätte man nur nach Qualitätsansprüchen ausgewählt, wäre das Sequenzbuch Nr. 5 einen Drittel dünner – aber das sei eben nicht die Motivation ihres Vereins, betont Sascha Tittmann einmal mehr: «Wir wollen eine offene Plattform sein, die originelle, ungewohnte Ausdrucksformen fördern will. Es gibt sonst keinen Ort, wo sich viele der hier versammelten Arbeiten noch präsentieren könnten», sagt Tittmann. Die Publikation versteht sich darum auch als ein Mittel zum Austausch von Ideen und als eine Bühne, um Erfahrungen zu sammeln und sich weiterentwickeln zu können.

Entwicklung zeichnet sich ab

Eine derartige kontinuierliche Entwicklung ist gerade bei jenen Gestalterinnen und Gestaltern ablesbar, die mittlerweile in mehreren der fünf Veröffentlichungen der letzten fünf Jahre vertreten waren. Die St. Galler Grafikerin Sabina Schütz beispielsweise zeichnete in der vierten Sequenz eine Bildfolge, die eher sachlich-nüchtern einen Bootsbau auf den Philippinen zeigt. Das Segelboot steht in ihrer neuen Arbeit am Anfang einer Serie mit ganz anderen, poetisch Aquarell-artigen Bildern, worin sich in der Landschaft, den Felsen, Büschen und Bäumen Gesichter ablesen lassen. Eine stetige Reduktion und Konzentration in ihren rätselhaften Bildfolgen ist bei der Illustratorin Sabine Schwyter-Küfer zu beobachten, die mit den «Geschichten die das Leben schrieb» zum viertenmal eine Sequenz veröffentlicht.

Herausragende Beiträge

Gestalterische Originalität und erzählerisches Talent vereinigen sich im neuen Taschenbuch noch häufiger als in den vorangegangenen Heften zu einer beeindruckenden Einheit. Beispielsweise in der atmosphärisch dichten Bildergeschichte einer Katze von Fiona Schär. Oder im nachdenklich-philosophisch und dunkel grundierten Comic «X» von Matthias Noger, der mit zu den herausragenden Arbeiten der fünften Sequenz gezählt werden kann. Ebenso wie Anna Furrers Beitrag, die die Geschichte «Trurls Maschine» von Stanislaw Lem illustriert hat. Sie findet für die groteske wie technikkritische Erzählung eine Bildsprache, die den spöttischen Witz und mahnenden Ernst der Vorlage auch durch die rhythmisierten Formatwechsel geschickt aufnimmt.

Im «klassischen» Comic-Genre hat Flurin Salis (19 Jahre) mit «K-Pax» eine amerikanische Story in schwarz-weisse Panels umgesetzt – seine Maturaarbeit. Zur schrägen, bösen «Klassenfahrt ins Schlaraffenland» von Sascha Tittmann, die sich in gereimten Texten und pastellfarbigen Zeichnungen als bonbonbunt-überdrehte Horrorgeschichte entpuppt, ist es dann freilich ein weiter Weg.

Einladung zur Regung

Diese Stil- und Qualitätsunterschiede machen den Reiz der Publikation aus. Sie zeigt einmal mehr auf, welch weites Feld an gestalterischen Möglichkeiten es gibt – und wie reich das Potenzial in der Ostschweiz ist. Das gilt auch für die vom Sequenz-Team gestalteten Inserate im Taschenbuch. Auf den über 300 Seiten finden sich noch manche witzigen Umsetzungen, aber freilich auch weniger überzeugende Beiträge oder ziemlich krude Ideen. Als Leser wird man jedoch bewusst dazu eingeladen, sich seine bevorzugten Sequenzen herauszusuchen, und sich dann vielleicht ebenso mit Bildideen auseinanderzusetzen, die sich womöglich erst auf den zweiten oder dritten Blick erschliessen. Passiert etwas, wenn man es anschaut? – diese Frage habe sich die Jury jeweils gestellt, verrät Sascha Tittmann. Das Sequenz-Taschenbuch sollte also durchaus die eine oder andere Regung beim Leser bewirken.



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