Alles voller Bilder in dieser Wohnung. Im Schlaf- und Wohnzimmer, in einem Nebenräumchen, im Eingangsbereich. Bobby Moor hat sie gemalt. Grossflächiges, Monumentales in Öl und Mischtechnik malt er am liebsten, Bilder wie das Delirium, oder das Aufwachen danach. Bobby Moor redet schnell, atemlos, mit unzähligen Schlenkern, und zum Spass hebt er zwischendurch die obere Zahnreihe seines Gebisses aus den Angeln.
Endlich wieder Zähne, das ist doch schon mal was, und sein Reden gleicht dem Rhythmus und der Farbgestaltung seiner Bilder.
Ein Delirium im Wachzustand, geäussert mit allen Sinnen. Gebündelt das Leben von 42 Jahren, in Schüben, in Schlaufen, in Pirouetten, in Albträumen und auf langen Strecken in tiefsten Abgründen. Er redet von seinem Vater, dessen Grosseltern nach Deutschland ausgewandert waren, immer wieder von seinem Vater, Hitlerjunge, keine Wahl gehabt, mit 13 mitmarschiert und mitpariert. Wie er in amerikanische Gefangenschaft geraten sei, boxen gelernt und Amateurwettkämpfe gewonnen habe. Die nächste Hölle als Fremdenlegionär in Nordafrika, die Flucht, und mit 22 Jahren auf Umwegen die Rückkehr in die Schweiz. Hier holt er die Matura nach, studiert Architektur, heiratet und lässt sich scheiden. Die zweite Frau, bereits Mutter von zwei Söhnen, bekommt noch ein drittes Kind, Bobby.
Friedrich Wilhelm Bernhard Moor habe noch am Modell des neuen St. Galler Rathauses mitgewirkt, weiss dessen Sohn zu berichten. Die Familie zügelte mehrmals; von Rikon nach St. Gallen, ein paar Jahre ins österreichische Burgenland. Da war Bobby ein kleiner Bub, der viel weinen musste, weil man ihn, um zum Kindergarten zu gelangen, über eine Wiese schickte, in der die Bienen summten. Und vor denen fürchtete er sich. Aber sonst muss es dort eine Idylle gewesen sein. Da war Liza, das Schwein, das Bobby über alles liebte, wie das Symbol für eine intakte Kindheit in einer intakten Familie, dieses Schwein. Zurück in St. Gallen besuchte Bobby – zusammen mit Peter Brassel und dem heutigen Leiter der Singschule, Bernhard Bichler – die Buebeflade. Der Vater, obwohl dem Katholischen gar nicht zugeneigt, habe es so gewollt. Und der junge Moor gedieh tatsächlich prächtig im Annex der Beichtstühle; er galt als sportliches und musisches Talent, war Mitglied der Singschule, er machte bei zahlreichen Theateraufführungen mit, er erhielt Klavierunterricht; wurde seiner Begabung wegen auch im Kunstturnen gefördert.
Dann kam die Pubertät und gleichzeitig die Scheidung der Eltern, der Unfalltod des Halbbruders. Mit 14 färbte sich Bobby die Haare blau und wurde, zumindest äusserlich, ein Punk, ein schräger Vogel. Er hing herum, kiffte, trank Alkohol, brach die Lehre ab; der erste Schritt hin zu den harten Drogen war getan. Mit 18 der erste Entzug, zwei Jahre clean, «was immer das hiess», erzählt Bobby, dann alles rein: Valium, Rhohypnol, Heroin, dazu 1 Liter Kirsch pro Tag,
Schellenacker, Platzspitz. Das volle Programm. Er lebte abwechslungsweise in Abbruchhäusern und in Notunterkünften, eine Weile auch in der von Autonomen besetzten «Alten Stadtgärtnerei» in Basel. Bobby war Mitbegründer der Punkband Mal di Testa, er malte, versuchte immer wieder, von den Drogen wegzukommen. Mit 28 wurde er ins kontrollierte Heroinprogramm aufgenommen (siehe: 20 Jahre Suchthilfe in der Stadt, 14.1. Tgbl. ). Neben der kontrollierten Abgabe nahm er weiterhin, was ihm unter die Finger kam, auch die schwer abhängig machenden Benzodiazepine. Jedem Entzug folge der nächste Absturz. Er hatte nichts mehr unter Kontrolle, war eifersüchtig, zornig, ein Getriebener. Er landete im Knast wegen Sachbeschädigung und anderen Delikten, in Gmünden, Realta. Nach der Entlassung ging's von vorne los; im Jahr 1992 steckte er sich mit dem HI-Virus an. Er war teilweise so schlecht drauf, dass er hospitalisiert werden musste. Vor drei Jahren verfügte sein Körper noch über vier Helferzellen.
Heute ist Bobby Moor so was Ähnliches wie gesund. Ein Phänomen. In seinem Blut werden dank der Medikamente keine HI-Viren mehr nachgewiesen. Seit drei Jahren lebt er drogenfrei.
Als er kürzlich im Rümpeltum seine Bilder zeigte, sei eine Frau auf ihn zugekommen und habe zu weinen begonnen. «Ich dachte, du seist tot!», habe sie schliesslich hervorgebracht. Bobby ist nicht tot. Bobby lebt. Er habe ein zweites Leben geschenkt bekommen, sagt er. Er malt, und er lacht, mit seinen neuen Zähnen und ruft der Besucherin, die bereits im Hausflur steht, nach: «Hey warte, ich hab' dir das mit dem Durchschuss noch nicht erzählt. Hier, durch die Hand. Es war an der Langstrasse!»
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