Still und fast unbemerkt war der Abgang von Chouchane Siranossian nach ihrer Probezeit als neue Konzertmeisterin im Sinfonieorchester St. Gallen (s. Kasten). Bis jetzt ist die Stelle nicht wieder besetzt. Rund vierzig Bewerbungen sind eingegangen. Im Rennen sind derzeit noch eine Japanerin, ein Franzose und ein Russe. Gewählt wird der neue Konzertmeister auf Probe und vom gesamten Orchester. Der Chefdirigent hat ebenfalls nur eine Stimme, aber ein Vetorecht. «Das Verfahren ist grunddemokratisch», sagt der St.
Galler Konzertdirektor Florian Scheiber. Dass es beim Abgang von Chouchane Siranossian Intrigen gegeben habe, verneint er.
Manche Orchester suchen Jahre nach einem geeigneten Kandidaten, denn der Posten des Konzertmeisters ist ein heikler. «Nett sein reicht da nicht», sagt einer, der es wissen muss. Andrzej Kowalski hat das St. Galler Orchester 31 Jahre lang geführt. Zum Abgang seiner Nachfolgerin Chouchane Siranossian will er sich nicht äussern.
«Dafür hätte ich in die Proben schauen müssen», sagt er. «Beim Konzertmeisterposten sind nur fünfzig Prozent hervorragendes Geigenspiel, die anderen fünfzig Prozent sind Führungsqualitäten, Ausstrahlung und Charisma.» Ein Konzertmeister müsse einen sensiblen Organismus führen. «Musiker sind überempfindliche Menschen und haben die Sensoren gleich unter der Haut. Das ist ja auch der Grund, warum wir Musik machen.
» Oft würden sich in der Orchesterarbeit Kleinigkeiten summieren, die aber nicht zu unterschätzen seien.
Schmunzelnd erinnert sich Andrzej Kowalski an Situationen, bei denen es um Knoblauchgeruch gegangen sei. Aber auch ein falsches Parfum könne den Betrieb stören. Immerhin sitzen die Musiker bei den Proben oft Stunden lang eng aufeinander. «Als Konzertmeister muss man auch Kindergärtner und Psychologe sein», sagt Andrzej Kowalski.
Und beschreibt die Gratwanderung, die der Mann oder die Frau am ersten Pult machen müsse: «Man darf sich selbst künstlerisch nicht verlieren und muss doch den Wunsch des Dirigenten erfüllen.»
Konzertmeister sein heisst auch zwischen Dirigent, Management und den Kollegen zu vermitteln. Und man ist stark der Öffentlichkeit ausgesetzt. Als Andrzej Kowalski 1977 nach St. Gallen kam, hatte er durchaus auch Startschwierigkeiten. «Ich wurde damals in einen Richard-Strauss-Opernzyklus hineingeworfen wie ins kalte Wasser.
Ich war noch unerfahren, aber ich wurde getragen und unterstützt», erinnert sich der polnische Musiker, der als pensionierter Konzertmeister die Musik im Orchester vermisst, nicht aber den Druck, den ein Konzertmeister aushalten muss.
Alle Orchester sind sensible Organismen. Es geht in vielfältiger Manier darum, wer wo und wann die «erste Geige» spielen darf. Manche Orchester sind Haifischbecken. Das St.
Galler Orchester sei aber ein «sympathisches und kommunikatives», sagt Konzertdirektor Florian Scheiber. «Ganz anständig» lautet Andrzej Kowalskis Urteil. Insgesamt positionieren einige der befragten Orchestermitglieder das Sinfonieorchester St. Gallen, was das Betriebsklima betrifft, im europäischen Vergleich im positiven Bereich.
Die drei Kandidaten, die jetzt in St. Gallen im Rennen sind, absolvieren nach dem Probespiel je eine Probenwoche mit dem Orchester und führen es in einem Konzert an. Wird ein Kandidat gewählt, erhält er einen Mentor. «Nach sechs bis neun Monaten Probezeit entscheidet das Orchester, ob es sich an den neuen Mann oder die neue Frau am ersten Pult binden will», erklärt Florian Scheiber das anspruchsvolle Prozedere dieser Postenbesetzung.
Ein «Jein» darf sich ein Konzertmeister oder eine Konzertmeisterin nicht erlauben. Wer am ersten Pult sitzt, muss den Ton angeben. «Die Orchestermitglieder müssen geführt werden und sie wollen geführt werden», bringt es Francisco Obieta, Solo-Kontrabassist, auf den Punkt. «Ein Konzertmeister muss Profil haben, er darf streng, aber nicht arrogant sein.»
Robert Bokor spielte 18 Jahre im St. Galler Sinfonieorchester und war Zweiter Konzertmeister. Der erfahrene Geiger, der sich heute vermehrt seiner solistischen Karriere widmet, bringt es auf den Punkt: «Ein Konzertmeister braucht eine Mischung aus Autorität und Kollegialität, ein anspruchsvoller Balanceakt. Als Solist darf man Egozentriker im positiven Sinne sein, als Konzertmeister muss man führen können.» Robert Bokor weiss aber auch, dass Spannungen im Orchester das Spiel beeinflussen können.
«Konzertmeister ist ein hochkomplexer Job. Und die heutigen Orchestermitglieder, die selbst oft auf sehr hohem Level spielen, werden in ihren Ansprüchen auch an die musikalische Qualität ihrer Chefin oder ihres Chefs immer strenger.»
Ende April soll der oder die Neue am ersten Pult feststehen, falls sich das Orchester denn festlegt. Kann es sich nicht auf einen neuen Konzertmeister einigen, startet eine nächste Runde der Kandidatensuche.
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