Kultur: 30. August 2008, 01:05

Im Zwielicht der Dämmerung

Die marokkanischen Städte Fes und Tanger zwischen Aufbruch und Tradition / Von Florian Vetsch

Tanger – Umschlagplatz von Waren und Ideen. Im Bild der Hafen. Bild: Amsel
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«Du solltest Dir ein Tuch um die Hüfte schlingen. Sonst starren Dir die Männer auf den Hintern, und es ist Deine Schuld, wenn sie an Frauen denken und den Ramadan brechen», raunt die greise Mutter ihrer längst erwachsenen Tochter zu, bevor sie das Haus verlassen; die Tochter hatte zwar keineswegs vor, sich leicht beschürzt auf die Strasse zu begeben, trägt sie doch einen rosa Dress, eine Art Trainer. Dennoch schlingt sie sich ohne Zögern das Tuch um, das ihr die Alte hinhält; diese hat schon mehrere Pilgerreisen nach Mekka hinter sich und in religiösen Fragen immer recht.

Genussvoller Traditionalismus

Die kleine Alltagsszene mag das konservative Element illustrieren, das die marokkanische Stadt Fes, die heute über eine Million Einwohner zählt, zutiefst prägt. Dieser Geist übt einerseits eine starke soziale Kontrolle aus und kann einengend und dumpf wirken; so hat es Tahar Ben Jelloun empfunden, der 1944 in Fes zur Welt kam, aber seit Jahrzehnten in Paris und Tanger lebt. Anderseits steht dieser Geist für ein Wachhalten der Überlieferung, eine durchaus genussvolle Inszenierung des kulturell Besonderen.

Da die Gastfreundschaft einen hohen Wert im arabischen Sittenkodex hat, entwickelt Fes seinen formenreichen Traditionalismus zu keinem Ausschliessungsverfahren. In einem weltoffenen Sinn laden die Veranstalter Sommer für Sommer Musiker aus aller Welt an das «Festival des musiques sacrées du monde» ein. Fes gilt bis heute als Hochburg der arabisch-andalusischen Musik, worin sich die Geschichte dieser Stadt spiegelt.

Idriss I. brachte den Islam nach Marokko und gründete 789 am Fluss Fes eine kleine Siedlung, die sein Sohn Idriss II. 809 zur Stadt Fes erklärte. Deren Kernstück, die Altstadt, sollte sich zur grössten Medina Marokkos und einer der grössten Medinas im ganzen arabischen Raum entwickeln. Bis heute existiert keine exakte Karte von ihr. Für Autos ist das Gewimmel der Gässchen, deren Breite mitunter kaum einen halben Meter beträgt, vollkommen unzugänglich. Transporte werden noch immer mit Eseln erledigt; kommen sie daher, wird es so eng, dass alles zur Seite springt.

Angesichts der labyrinthischen Gässchen und der in alle Richtungen lockenden Suqs kann leicht jemand verlorengehen; dann gilt die Faustregel: Wandere abwärts, so wirst du irgendwann unten aus der Verirrung auf den Platz mit den Taxis entlassen. Was die Häuser betrifft, so verbirgt die schroffe, abweisende Aussenfassade unvordenklich grosszügige Interieurs, barocke Salons, kunstvoll angelegte Riads. Ihr Baustil verbindet byzantinisch-islamische mit westgotisch-andalusischen Einflüssen. Aus all diesen Gründen zählt die Medina von Fes seit 1981 zum Unesco-Weltkulturerbe.

Intellektuelle Hauptstadt

Fes entwickelte sich als westlichste arabische Grossstadt während des Goldenen Zeitalters islamischer Kultur (8. bis 13. Jh.) rasch zu Marokkos Hauptstadt. Ihr Ruhm drang weit über den Maghreb hinaus, auch in geistiger Hinsicht. Dafür mag hier die Qairawiyin-Universität stehen, die 859 von der Kaufmannstochter Fatima el-Fihrya gegründet wurde und als historische Keimzelle der späteren europäischen Universitäten gilt.

Dass Fes die intellektuelle Wiege des Landes genannt wird, enthält bis heute einen Funken Wahrheit, wenn wir etwa an den bereits erwähnten Träger des Prix Goncourt denken, an Tahar Ben Jelloun, oder an Fatima Mernissi (geboren 1940 in Fes), die zu Marokkos weiblichen Identifikationsfiguren gehört, Soziologie in Rabat doziert und Wesentliches zur Deorientalisierung des westlichen Blicks auf den Harem beigetragen hat.

Das kritische Potenzial kann auch in die Motorik fahren, kann zünden. 1990 wurden in Fes bei einem Generalstreik, der 40 Todesopfer forderte, die Barrikaden des 5-Sterne-Hotels «Les Merinides» gestürmt und das Inventar zu Kleinholz geschlagen. Die Drahtzieher des Aufstands waren rasch detektiert. Ihre Strafen fielen drakonisch aus. 10 bis 20 Jahre Haft kassierten die Widerständler unter König Hassan II.; erst Mohammed VI., seit 1999 im Amt, sollte ihnen Amnestie gewähren. Auch im September 2007 brach die Brotrevolte, auf deren Forderungen die Regierung allerdings eingehen sollte, in Sefrou aus – unweit von Fes.

Nichtsdestotrotz wird das ansonsten in ruhiger Einmuschelung gedeihende Fes als ideale «ville de retraite» bezeichnet. Vielleicht zieht sie deshalb der Schweizer Botschafter Christian Dunant allen anderen Städten Marokkos vor, sicher aber auch, weil sie so authentisch ist, ursprünglich und doch eine Stadt von Welt. Von Fes geht ein Zauber aus, dessen Strahlen bis ins Königshaus reichen: Lalla Selma, die Gattin von Mohammed VI., die erste Königin, deren Gesicht Marokko kennt, stammt aus Fes.

Der neue König

Neben der heutigen Hauptstadt Rabat, der In-City Marrakesch und dem ungleich kleineren Meknes zählt Fes zu den vier Königsstädten von Marokko. Unter diesen wirkt das sandfarbene Fes wie ein Schwarzweissfilm oder eine Sepia-Postkarte, vor allem, wenn sich während des Ramadan die in weisse Djellabahs und safrangelbe Babouches geschlüpften Männer zum Abendgebet in die Moschee begeben, scharenweise. Dass die Religion in den Alltag eingreift und im Kollektiv umfassend wirksam wird, wäre in den spirituell reservierten mitteleuropäischen Breitengraden undenkbar. Undenkbar zum Beispiel, dass sich ungezählte vielköpfige Familien vor den Fernseher setzen, um sich, über die Generationen hinweg durchaus interessiert, «Tajouid» anzuschauen, den wichtigsten TV-Contest im Ramadan, den allabendlich zur besten Sendezeit übertragenen Concours junger «Koran»-Sängerinnen und -Sänger.

Als sich während der Brotrevolte in Sefrou der Unmut der Armen entlud und gegen die brutalen Sicherheitskräfte in die kombattante Opposition ging, als die entfesselte Menge Autos anzündete, die Scheiben öffentlicher Gebäude einschlug, in die Büros eindrang, Dokumente zerriss und Möbel aufschlitzte, blieb zumindest etwas unangetastet: das Porträt des Königs. Mit Mohammed VI. fand in Marokko ein Paradigmawechsel statt. Bei allem Verdacht gegenüber einem König, der gewisse Themen wie den Westsahara-Konflikt, Religions- und Monarchiekritik nicht aufkommen lässt und in Tabubereiche vorstossende Medien rigoros kaltstellt: Marokko bewegt sich unter dem dynamischen «roi des pauvres», wie die Marokkaner ihren König auch nennen, vorwärts.

Im Hafen von Tanger

Der Wechsel zeigt sich an der legendären Stadt Tanger deutlich. In der Region entstand der neue Med-Port, der grösste Tiefseehafen Afrikas mit einer Gesamtkapazität von 8,5 Millionen Containern pro Jahr. Er garantiert über 140 000 Arbeitsplätze. Der Hafen ist die wirtschaftliche Konkretisierung einer generellen Wertschätzung Tangers durch Mohammed VI., welche der vorherige König jahrzehntelang vermissen liess. Tanger bot in den 90er- Jahren ein erbärmliches Bild. Zu viel Geld verschwand in den Taschen korrupter Beamter, Sicherheit und Hygiene litten besonders.

«Tangier under construction» – so könnte das Motto der letzten Jahre für die wieder aufblühende weisse Stadt an der Strasse von Gibraltar lauten: Platz um Platz, Avenue um Avenue, Fassade um Fassade wird restauriert. Die Bodenpreise steigen monatlich. Magnetisch zieht Tanger Investoren, Bauriesen und Makler an.

Allerdings vermag der schöne Schein des Aufbruchs das Problem der illegalen Emigranten – Tanger gilt als Sammelbecken von Sans-Papiers aus diversen afrikanischen Ländern – nicht zu überblenden, auch wenn sich der Strom der Auswanderungsentschlossenen seit geraumer Zeit nach Oujda verlagert hat. Noch immer beobachtet man in den Strassen vollkommen verarmte Geschöpfe: Mütter mit Säuglingen, Bettler und klebstoffschnüffelnde Gamins, denen es an allem fehlt… Oft hegen sie den Traum vom gelobten Europa wie ihre Lebensflamme.

Doch der Traum kann tödlich enden. Viele Sans-Papiers sterben beim Versuch, die strömungsreiche Strasse von Gibraltar, in die zwei Meere münden, auf eigene Faust zu überqueren: in Nussschalen von Booten zum Teil, manchmal gar schwimmend. Und im Klandestinen prosperiert der Schlepperhandel.

Transkulturelle Projekte

Diese Vorgänge beobachtet kritisch der in Tanger lebende Journalist Alfred Hackensberger. Er ist Mitglied des Organisationskomitees der Internationalen Tanger Konferenz, die gerade jetzt wieder einen «Call for Papers» für 2009 zum Thema «Critiquing Postcolonialism/Performing Cultural Diversity» erlassen hat. Der Ansatz der Konferenz ist transkulturell und keineswegs nostalgisch; Blicke in die reiche Vergangenheit der Stadt dienen ihr dazu, die Gegenwart besser zu begreifen und Möglichkeiten für die Zukunft zu entwerfen.

Auch Khalid Amine von der Abdelmalek-Essaâdi-Universität im nahen Tetouan gehört zu diesem Komitee. Daselbst gibt es einen ganzen Flügel von Professoren, die am Puls der Zeit arbeiten, philosophische und literarische Werke ins Arabische übersetzen und die Studentenschaft in die Grundlagen des historisch-kritischen Bewusstseins einführen. Dass solches in Marokko möglich ist, belegt eindrücklich, dass dieses Land die Speerspitze moderner arabischer Staaten darstellt.



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