Vor hundert Jahren ist er an einer Blutvergiftung gestorben. Sein Leben steht jenem von Vincent van Gogh an Dramatik, Missverständnis und Unterschätzung in nichts nach. Henri Rousseau hatte ein Leben voller Hürden.
1844 in Laval in der Bretagne geboren, wächst er in engen Verhältnissen auf. Auch Alfred Jarry (1873–1907), der Dichter und Autor von «König Ubu», mit dem Rousseau später befreundet ist, kommt aus Laval.
Rousseaus musische Begabung wird ignoriert. 1868 zieht er nach Paris und arbeitet als Schreiber bei einem Anwalt, später als städtischer Zollbeamter. Mit seiner ersten Frau hat er zehn Kinder. Alle bis auf eine Tochter sterben; die Frau ebenfalls, auch seine zweite. Die einzige Tochter schämt sich für ihren Vater und bricht den Kontakt ab. Wenn er seine Bilder irgendwo zeigt, wird er verspottet. 1893 gibt Rousseau seinen Job als Zöllner auf und widmet sich ganz der Malerei. Nebenbei komponiert er, schreibt Theaterstücke und erteilt Mal- und Musikunterricht. Einkünfte gibt es wenig. Für den Kauf von Farbe verschuldet er sich. Zeitweilig sitzt er im Gefängnis.
Als Wilhelm Uhde, sein späterer Biograph, 1908 in Paris mit Rousseau eine erste Einzelausstellung organisiert, kommt niemand, weil die Ortsangabe auf der Einladungskarte fehlte.
Der Sturm peitscht durchs Bild. Der Tiger greift an. Doch wo ist die Beute? Neuste Untersuchungen haben gezeigt, dass im Bild «Surpris!» von 1891 Rousseau zwei mögliche Opfer mit Blattwerk übermalt hat. Was bleibt da dem Hungrigen als Futter anderes als wir, das Publikum, die Betrachter. Rousseau bringt das Wilde in die Stube. Er zeigt das Bild am Salon des Independents in Paris, wo es Felix Vallotton sieht und als erster im «Journal Suisse» grosses Lob ausspricht: «Das ist das Alpha und Omega der Malerei und so erregend, dass die meisten tiefwurzelnden Überzeugungen wanken und vergehen.» Noch heute sind wir ergriffen von Bildern, wo Affen menschliche Züge haben und der Weltfrieden visionär in Reih und Glied bereitsteht.
Rousseau ist ein Zeitgenosse der Impressionisten. Doch seine Malerei hat nichts mit deren Streben nach Auflösung von Raum in Farbe gemein. Im Alleingang entwickelte er einen autonomen Stil mit einem eigenwillig geschichteten, collagierten Bildraum.
Frei von jeder akademischen Ausbildung, bricht er mit dem Illusionsraum, wie er seit der Renaissance gültig war, malt Imaginäres, kopiert aus Büchern und von Fotos. Das erregt die Aufmerksamkeit und Achtung der jüngeren Avantgardekünstler. Bei Fernand Léger oder Pablo Picasso finden sich direkte Zitate. Auch René Magritte, Max Ernst, Wassily Kandinsky, Roy Lichtenstein nehmen seine Errungenschaften ins eigene Werk auf. Rousseau ist ein Künstler der Künstler, befreundet mit Picasso, Robert Delaunay, Guillaume Apollinaire.
Als Henri Rousseau endlich etwas Ansehen erlangt hat, stirbt er. Sieben Personen sind an seine Beerdigung gekommen.
Eines der geheimnisvollsten Werke in der Rousseau-Ausstellung ist das grosse Porträt einer Frau von 1895. Picasso kaufte es 1908 für 5 Franc bei einem Trödler. Für ihn ist es «eines der wahrheitsgetreusten Porträts der französischen Psyche».
Jäh prallen das geordnete Leben und die Wildnis aufeinander. Den Übergang bilden ein Geländer mit Topfblumen und ein schwerer, von einer Kordel zusammengehaltener Vorhang. Die Frau hält einen abgebrochenen Ast in der Hand, als ob sie soeben aus der Wildnis zurückgekehrt ist.
Verschiedene Motive wie die Kordel nimmt Picasso ins eigene Werk auf. Später diente «Portrait de femme» Frida Kahlo als Vorlage für eines ihrer Selbstbildnisse.
Bereits 200 Franc zahlte der Kunsthändler Ambroise Vollard 1906 für das Gemälde «Der hungrige Löwe» von 1898/1905. Ursprünglich hiess es «La lutte pour la vie». 1988 kauft Ernst Beyeler das Bild mit der weinenden Antilope.
Der Wechsel zwischen Realität und Imagination ist ein zentrales Motiv in Werk Rousseaus. In «Spaziergänger im Park» sind gepflegte Wege umfriedet von Gebäuden und Mauern. Dahinter breitet sich der Dschungel aus. Das Tor steht offen. Kein Zöllner kontrolliert den Durchgang.
Im Gegenteil. Henri Rousseau sorgt dafür, dass wir zwischen Ordnung und Rausch, Apollinischem und Dionysischen leichtfüssig zu wechseln wagen. Er wird zum Schmuggler.
Während die ersten Bilder die Wildnis lebensgefährlich zeigen, macht er sie später zur Spielwiese trunkener Affen, zur Bühne für Musik und Beschwörungen. Verzaubert entlässt uns der Schmuggler ins Heute.
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