Die Welt steht kopf in London. Den Banken geht das Geld und der City die Luft aus, die Hauspreise purzeln, die britische Regierung hat den Banken einen Rettungsring von 500 Milliarden Pfund (1000 Milliarden Schweizer Franken) zugeworfen – und niemand weiss, ob der sie über Wasser halten kann. Da eröffnet einer an bester Adresse ein eigenes Museum, grösser und schöner als manche Stadt oder Nation sich leisten kann. Charles Saatchi hat eine neue Galerie, bereits die dritte. Die erste eröffnete der Werbemann und Kunstsammler 1985 in einer alten Farbenfabrik im Nobelviertel St. John's Wood, die zweite im ehemaligen Stadthaus musste er 2005 schliessen, weil er von den Hausbesitzern vor die Tür gesetzt wurde. Nun ist die Saatchi Gallery um einiges schöner und schicker in einem ehemaligen Armeegebäude an der King's Road in Chelsea auferstanden.
Charles Saatchi ist einer der reichsten Kunstsammler Grossbritanniens und gleichzeitig einer der Trendsetter im zeitgenössischen Kunstmarkt. Was er sich anschafft, darf man ruhig kaufen – es wird mit grosser Wahrscheinlichkeit an Wert gewinnen, denn da ist dieser untrügliche Sinn für das, was bei einem breiten Publikum zieht.
Nun hat Saatchi in den letzten Jahren offenbar eifrig Kunst aus China gekauft. Unter dem Titel «The Revolution Continues» präsentiert er in 13 Räumen über vier Stockwerke gegen 60 Werke von zeitgenössischen chinesischen Künstlern. Darunter ist Bekanntes wie die grinsenden Gesichter von Yue Minjun oder die Gesichter mit den aufstörenden Augen von Zhang Xiaogang.
Vieles erinnert an die alten Saatchi-Ausstellungen, wenn auch die Kunst nun nicht von den YBAs, sondern aus China kommt. Drastik und kruder Realismus hier wie dort. 13 uralte Staats- und Kirchenoberhäupter in elektrisch angetriebenen Rollstühlen liefern sich in «Old Persons Home» (2007) von Sun Yuan und Peng Yu einen letzten müden Kampf. Shi Xinning hat in einem Gemälde «Royal Coach» (2006) Mao zur Queen Mother in die Kutsche gesetzt und Liu Wei mit «Indigestion II» (2004–2005) einen Riesen-Hunde- (oder Menschen-)Kot voller Spielzeugsoldaten auf den Boden. Derselbe Künstler hat aus Hundekaumaterial eine Stadt aus ikonischen Gebäuden gemalt, «Love It! Bite It!» (2005–2007), eine Art Miniaturwelt, die auf den Hund gekommen ist.
Derlei ist einfach zu lesen, sicher. Und trotzdem eindrücklich. Am eindrücklichsten sind jene 15 Wanderarbeiter, die Zhang Dali als «Chinese Offspring» (2003–2005) am Fuss gefesselt von der Decke hängen lässt, mit blutendem Geschlecht und eintätowierter Nummer auf dem Rücken, auf dass man als blosse Nummer nicht verwechselt würde.
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