Chris Keating, Sänger und Keyboarder von Yeasayer, steht zwar gerne auf dem Boden, will mit seiner Musik aber hoch hinaus: «Meine Spiritualität bezog ich schon immer aus der Musik oder aus Kunstwerken. Da finde ich die Inspiration und die Schönheit, die ein höheres Was-auch-immer in mir anspricht. Was Gläubige in einer Kirche finden, finde ich in der Musik.»
Keating – der nach eigener Aussage noch nie in seinem Leben zu religiösen Zwecken in einem Gotteshaus war – und seinen beiden Mitmusikern Anand Wilder und Ira Tuton gelang vor zwei Jahren mit ihrem Début «All Hour Cymbals» der Sprung aus der Blogosphäre an die Oberfläche. Auf «All Hour Cymbals» fügten sie Indie-Pop und Weltmusik nahtlos zusammen.
Das erste Album hatte mit seinen beinahe kirchlichen Chorälen tatsächlich etwas Spirituelles, die neue Platte ist mehr als nur eine Bestätigung.
Auch auf seinem zweiten Werk «Odd Blood» vermengt das Trio aus Brooklyn mühelos die unterschiedlichsten Stile zu einer feinen Mélange aus süffigen Popmelodien, faszinierenden elektronischen Spielereien sowie exotischen Referenzen aus allen Ecken und Enden der (Musik-)Welt.
Schon das erste Stück der neuen Platte, «The Children», das mit einem metallischen Beat und verfremdeten Stimmen fordert, macht deutlich: Yeasayer sind grosse Kinder, die ihre Verspieltheit in der Musik ausleben und denen schnell langweilig wird, wenn sie ihre Spielwiese nicht umbauen dürfen. «Wir wollten etwas Neues kreieren. Bands, die nur den Erfolg zu wiederholen versuchen, treten meist in die Falle», sagt Keating.
Klang «All Hour Cymbals» noch sehr sphärisch, ja fast schon abgehoben, ist «Odd Blood» trotz seiner Verwinkelungen und klanglichen Salti direkter, was auch an Keatings geradlinigerem Gesang liegt. «Wir haben versucht, die Musik tanzbarer zu machen, kürzere Songs zu schreiben, pop-orientierter zu arbeiten und gleichzeitig seltsame neue Klänge und Techniken einzuflechten», erzählt er.
Sie hätten die unterschiedlichsten Geräusche gesampelt und den Instrumenten deren charakteristischen Klang weggenommen, um ihrem Sound eine neue Identität zu verpassen.
«Odd Blood» klingt denn auch erst einmal wie eine aufgeputschte Synthie-Pop-Platte, offenbart aber nach und nach ein Konstrukt aus bizarren Klängen, lieblichen Harmonien und herrlich dichten Texturen. Dabei zeigt das Album zwei Gesichter.
Während die erste Hälfte noch sehr zugänglich ist, wagen sich Yeasayer nach und nach in ein experimentelles Klangdickicht, ohne dabei die Orientierung zu verlieren.
Beflügelt wurden Yeasayer aber nicht nur von der eigenen Rastlosigkeit, sondern auch vom Wettbewerb, der unter den Gruppen in Brooklyn herrscht.
Im ewigen Wettstreit zwischen London und New York um die Vorherrschaft in der Musikszene haben Bands wie TV On The Radio, Animal Collective, MGMT, The Pains Of Being Pure At Heart oder eben Yeasayer den Big Apple und speziell Brooklyn wieder zum Epizentrum der Indie-Szene gemacht. Doch eine Szenenkultur, wie sie Ende der 70er- und Anfang der 80er-Jahre herrschte und die in Clubs wie dem CBGB's oder dem Max's Kansas City Treffpunkte fand, gibt es in der Form heute nicht mehr.
«Statt des Community-Gedankens herrscht ein künstlerischer Wettbewerb», meint Keating. Und das im positiven Sinn: Die Bands beeinflussen sich durch die schier unendliche Fülle an Ideen gegenseitig und treiben sich so zu neuen Höchstleistungen an. «Deswegen ist New York immer noch der spannendste Ort auf der Welt, um Musik zu machen.»
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