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Tagblatt Online, 16. September 2013, 02:35 Uhr

Kraftakt, Weltschmerz, Liebe

Zwei Spitzenorchester, drei fordernde Werke – all das liess sich beim Lucerne Festival an zwei Abenden gleich hintereinander erleben. Doch die St. Petersburger Philharmoniker und das Philharmonia Orchestra aus London spielten höchst unterschiedlich.

MARIO GERTEIS

Nicht die St. Petersburger Philharmoniker waren das Hauptereignis des ersten Konzerts, sondern der Solist. Der 38jährige Russe Denis Matsuev, 1998 Gewinner beim Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb, spielte das 3. Klavierkonzert d-Moll von Sergej Rachmaninow.

Imposant, aber einseitig

Der Komponist, der es für den eigenen Gebrauch geschrieben hatte, soll es ein «Konzert für Elefanten» genannt haben. Jedenfalls ist es ein kräftig trampelnder und laut trompetender Elefant, das machte Matsuev deutlich. Er zähmte das (Musik-)Tier, ohne ihm allzu viele Zügel anzulegen. Die wenigen lyrischen Passagen wurden immer wieder von Klanggewittern fortgespült. Kein Zweifel: Denis Matsuev kann es wie wenig andere – und so lässt er sich zu mächtigem Donnern und rasanten Tonkaskaden hinreissen. Imposant und ein paar Grade zu einseitig.

Immerhin, es macht Effekt – das kann man von den Philharmonikern weniger behaupten. Schade, denn mit der 10. Sinfonie e-Moll von Dmitri Schostakowitsch wurde das Werk eines Komponisten gespielt, mit dem das Orchester seit je eng verbunden ist. Auch diese Sinfonie wurde von ihm uraufgeführt, unter dem legendären Chef Evgeny Mravinsky. Vor 25 Jahren trat Yuri Temirkanov dessen Nachfolge an, aber er scheint müde geworden. Die Tristesse, ja Verzweiflung, die erst im Finale in aufgesetzten Jubel münden, blieben flach und ohne Konturen. Schostakowitschs Weltschmerz in diesem 1953 kurz nach Stalins Tod geschriebenen Werk war natürlich ein Schmerz über die eigene sowjetische Welt (wie er erst viel später bekannte). Bloss im Scherzo, einem fratzenhaften Stalin-Porträt, gab sich das St. Petersburger Orchester ein bisschen kerniger.

Welch interpretatorischer Abstand zum folgenden Abend! Esa-Pekka Salonen bot mit dem Philharmonia Orchestra aus London, dessen Chef er seit 2008 ist, eines der anspruchsvollsten Zeugnisse der frühen Romantik: «Roméo et Juliette» von Hector Berlioz. So kühn wie eigenwillig mischt der Komponist konträre Elemente – Chöre, Soli, Orchesterintermezzi – zu einer ausgedehnten «Symphonie dramatique». Keine Geschichte wird erzählt, sondern Stationen aus dem Leben des unglücklichen Liebespaars werden tönend verlebendigt. Das Auseinanderstrebende verstand der finnische Maestro zu einem mächtigen Bogen zu spannen, mit delikaten Farbtupfern hier, mit theatralischen Entladungen dort.

Verbeugung vor Revolutionär

Unter den drei Solisten war der Bassbariton Gerald Finley die überragende Figur; als Père Laurence versöhnte er die Familien Capulet und Montague. In diesem prächtigen Finale wuchs auch der Philharmonische Chor der Stadt Bonn, ein semiprofessionelles Ensemble, über sich hinaus. Und wir durften wieder einmal ans revolutionäre Motto des Lucerne Festival denken – dank dieser überwältigenden Verbeugung vor dem echten Musikrevolutionär Berlioz.



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