Tagblatt Online, 16. August 2012 08:47:02
Vom Verblassen der Bilder
Die Fotokopie ist eine zentrale Kulturtechnik des 20. Jahrhunderts, steht aber im Schatten des Computers und hat wenig Aufmerksamkeit erfahren.
Dominik Landwehr
Als sich Chester F. Carlson (1906–1968) an der Abendschule in New York zum Patentanwalt ausbilden liess, ärgerte er sich über die viele Abschreibarbeit und sann auf Abhilfe. Es gab zu seiner Zeit zwar Kopierverfahren für Dokumente. Dazu zählte etwa der Anfang des Jahrhundert erfundene Photostat, der für ein einzelnes Dokument bis zu 30 Minuten brauchte. Carlson schwebte aber etwas Einfacheres vor.
50 Trillionen Kopien
Als Patentanwalt war er gewohnt zu recherchieren, und so stiess er auf eine Publikation des ungarischen Physikers Paul Selenyi. Ihm gelang die Übertragung eines Bildes auf elektrostatischem Weg, indem er zunächst eine speziell beschichtete rotierende Trommel mit einem Ionenstrahl bestrahlte und danach das Bild auf der Trommel mit einem feinen Staub sichtbar machte. Der ungarische Entdecker hatte diesem Prinzip nach der Publikation offenbar keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt. Nicht so Carlson: Besessen von der Vision seines eigenen Verfahrens, mietete er Räume für ein Labor und nahm sich einen Assistenten. Bereits 1937 meldete er ein erstes Patent an. 1938 reproduzierte er mit diesem Verfahren den handgeschriebenen Text: «10-22-38 Astoria».
Aber von der Erfindung bis zur Entwicklung einer alltagstauglichen Maschine war es ein weiter Weg. Der Durchbruch kam erst 1945, als Carlson eine damals unbekannte Firma aus Rochester namens Haloid für das Verfahren interessieren konnte. Den Namen des Verfahrens «Elektrophotographie» sah Haloid als wenig geeignet für eine Vermarktung an, so wurde der Name Xerographie geschaffen – ein Kunstwort aus den griechischen Begriffen xeros für «trocken» und graphein für «schreiben».
1949 wurde der erste Fotokopierer ausgeliefert, er nannte sich Xerox Model A. Das Gerät war kompliziert, extrem störungsanfällig und überlebte nur, weil man damit perfekte Vorlagen für die Lithografie herstellen konnte, aber dafür war es natürlich nicht gedacht. Richtig erfolgreich war erst das Modell 914, das 1959 vorgestellt und 1961 im grossen Stil vermarktet wurde.
Der amerikanische Sachbuchautor David Owen schätzt, dass 1955 weltweit nicht mehr als 20 Millionen Kopien hergestellt wurden, fast alle auf nichtxerografischem Weg. 1965, fünf Jahre nach der Einführung des Modells 914, waren es fast 10 Milliarden. Fast alle davon xerografisch. Danach ging es exponentiell weiter. Haloid wurde Ende der fünfziger Jahre in Xerox umbenannt, in Europa in Rank Xerox. Sie verdankt ihren Erfolg auch einer Fehleinschätzung: Der effektive Markt für Fotokopien war sehr viel grösser als zunächst angenommen; die Nachfrage entwickelte sich fast explosionsartig.
Bereits Ende der 1970er Jahre lief der Patentschutz von Xerox ab, seitdem sind zahlreiche Konzerne wie Canon, Brother, Ricoh und andere in diesem Markt erfolgreich tätig. Genaue Zahlen über das tatsächliche Kopiervolumen zu finden, ist schwierig: Ein Papier von Hewlett Packard schätzte es vor Jahren einmal auf über 50 Trillionen Kopien.
So schwierig das elektrostatische Verfahren zu Beginn schien, so vielseitig und einfach erwies es sich in der Folge. Ein wichtiger Meilenstein war die Entwicklung der digitalen Fotokopie: Die Laserprinter, die Anfang der 1980er Jahre auf den Markt kamen, waren eine Weiterentwicklung der xerografischen Technik: Das Original wurde nicht mehr auf einen Fotoleiter projiziert, sondern auf einen lichtempfindlichen Chip.
Nicht anders als bei anderen Drucktechniken rief auch das xerografische Verfahren nach Anwendungen in der Kunst: Naheliegende Spielereien wie der Abdruck von Hand und Gesicht auf der Glasplatte ermunterten die Künstler zu weiteren Experimenten. Mit wenig Aufwand liessen sich ständig neue Generationen von Bildern erzeugen: Wer die Kopie kopiert, erlebt auf faszinierende Art das langsame Verblassen des Bildes, bis nur noch Rauschen übrig bleibt. Erste künstlerische Versuche wurden schon Mitte der sechziger Jahre verzeichnet. Joseph Beuys arbeitete in seinem 1964 geschaffenen Greta-Garbo-Zyklus mit dieser Technik. Im Jahr 1970 gab die amerikanische Künstlerin Sonia Sheridan in Chicago den ersten Kurs zur künstlerischen Nutzung der Fotokopie. Im von ihr gegründeten Programm für generative Systeme konnte man gar einen Master in Copy Art erwerben.
So erfolgreich die Fotokopie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Westen war, so gefürchtet war sie im Osten: Zwar wurden auch in der DDR Fotokopierer gefertigt, die nach dem xerografischen Verfahren arbeiteten. Ihre Verbreitung wurde aber genauestens überwacht, und über jede einzelne Kopie musste Buch geführt werden.
Im Feld der Kopierindustrie geben heute eine Handvoll grosser Namen den Ton an: Canon und Xerox als Marktführer, dichtauf folgen Ricoh, Hewlett Packard, Konica Minolta und Lexmark. Herausgefordert werden sie von Toshiba, Samsung, Kyocera und Sharp. Eine Analyse der Marktforschungsfirma Gartner spricht von einem reifen und weitgehend gesättigten Markt. Heute geht es in vielen Grossfirmen darum, die riesige Flotte von Druckern zu konsolidieren und Kosten zu sparen.
Die leistungsfähigsten Geräte unterscheiden sich kaum mehr voneinander. Angesichts der Unmengen von Kopien ist heute zunehmend etwas anderes gefragt: die Fähigkeit, grosse Mengen von Dokumenten in Organisationen zu verwalten und in einen Workflow zu integrieren. Die Forschung sucht auch nach Wegen, den ausufernden Papierkonsum einzudämmen. Eine vielversprechende Idee ist etwa das wiederbeschreibbare Papier Erasable Paper.
Der Erfolg der Fotokopie hält bis heute an. Und daran scheinen vorderhand weder Computer noch Digitalisierung, weder E-Book noch iPad etwas zu ändern. Das Mitte der 1970er Jahre erstmals propagierte papierlose Büro ist noch immer nicht bezugsbereit.
Wachstum
Wo kopiert wird, da will auch der Gesetzgeber genauer hinschauen. Nicht ohne Schmunzeln liest man heute den Titel einer Kampfschrift aus dem Jahr 1984 mit der Überschrift «Enteignung durch Fotokopieren». Im Licht der Digitalisierung erscheinen die Probleme der 1980er Jahre klein. Aber die Gesetzeshüter sahen auch in der Schweiz Handlungsbedarf und schufen die Kopierabgabe.
Und so verteilte die Schweizerische Urheberrechtsgesellschaft für Literatur und bildende Kunst 1996 erstmals 2,5 Millionen Franken. 2010 waren es mit 11,3 Millionen Franken bereits fünfmal mehr. Der Vizedirektor von Pro Litteris, Werner Stauffacher, berichtet von einem steten Wachstum, das sich erst in neuester Zeit abgeschwächt hat. Wie viele Kopien in der Schweiz aber jedes Jahr gedruckt werden, weiss man auch bei Pro Litteris nicht, denn die Abgaben werden pro Gerät erhoben.
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