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Tagblatt Online, 06. Juni 2012 01:06:00

Die Macht des Zwitscherns

KOPF DES TAGES

6. CLINTON GLOBAL INITIATIVE, Zoom

Dem Kurznachrichtendienst Twitter zum Durchbruch verholfen: Softwareingenieur Jack Dorsey. (Bild: Keystone)

Der schlechte Börsenstart des sozialen Netzwerks Facebook dürfte auch Jack Dorsey zum Nachdenken bringen. Nicht, weil er direkt etwas mit Facebook zu tun hat. Dorsey ist vielmehr einer der Gründer von Twitter. Der Kurznachrichtendienst, dessen Name sich mit «Gezwitscher» übersetzen lässt, ist das andere grosse soziale Medium neben Facebook. Und hätte dieses wie erhofft an der Börse brilliert, wäre auch Twitter rasch einmal als Börsenkandidat gehandelt worden.

Vorerst ist die Euphorie aber verflogen. Dorsey mag das recht sein. Denn im Vergleich zu Facebook waren bei Twitter noch bedeutend mehr Fragen zu klären, ob und wann ein Börsengang Sinn macht. Das kann nun gründlicher und mit weniger Druck angegangen werden.

«Für jeden etwas»

Die Twitter-Nutzer weltweit, die mit 140 Zeichen kurzen Nachrichten in Echtzeit übers Internet kommunizieren, hat Twitter ohnehin nicht mit kommerziellen Fakten überzeugt. Sondern mit neuen Ideen, hinter denen Jack Dorsey und die Mitgründer Biz Stone und Evan Williams stehen.

Auf Twitter gebe es «für jeden etwas», stellte dieser Tage die Jury der Cannes Lions fest. Sie vergibt jährlich die internationalen Werbe- und Kommunikationspreise. Egal, für welches Thema man sich interessiere oder wo man auf der Welt sei: Bei Twitter tauschten sich über 140 Millionen aktive Nutzer pro Monat darüber aus. Dorsey ist deshalb von den Verantwortlichen in Cannes zur Media-Person des Jahres 2012 gekürt worden.

Der 1976 im amerikanischen St. Louis geborene Softwareentwickler hatte schon früh zwei Passionen: Strassenkarten lesen und Polizeifunk hören. Zu programmieren fing er an, weil er die Abläufe auf den Strassen bildlich darstellen wollte. All das führte ihn schliesslich in eine der verkehrsreichsten Städte schlechthin, nach New York City. Dort entwickelte er Nachrichtensysteme, über die sich Taxis, Kuriere und Notfallfahrzeuge in Echtzeit austauschen konnten. Damit war – technisch gesehen – der Grundstein für Twitter gelegt. Dorsey beobachtete immer faszinierter, wie sich Tausende Mitarbeiter laufend benachrichtigten, was sie gerade tun und wo sie sich befinden.

Lange genug gereift

Im Jahr 2006, in San Francisco, war die Idee für Twitter dann lange genug herangereift. Eine Internetseite, wo Nutzer sich über ein beliebiges Thema in Sekundenschnelle austauschen konnten, wurde gemeinsam mit den Mitgründern Stone und Williams aufgeschaltet. Das zunächst zu Forschungszwecken gestartete Projekt erhielt derart grossen Zulauf, dass wenig später das Unternehmen Twitter offiziell an den Start ging.

Schwieriges einfach machen – dieses Bestreben Dorseys zeigt sich auch im Engagement beim Bezahldienst Square. Die 2009 gegründete Firma erlaubt es Nutzern, dank Kartenlesermodul auf ihren eigenen Mobiltelefonen Kreditkartenzahlungen entgegenzunehmen. Unabhängig davon, was Dorsey künftig noch anpackt: Das «Time Magazine» zählt ihn bereits heute zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Thorsten Fischer




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